von all den ereignissen um die aufgetauchte geburtsurkunde eduardos wusste die unglückselige antonella nichts. man hatte sie noch am mordtag ins bezirksfrauengefängnis gebracht. sie wirkte apathisch. die folgen des schnöden vergehens an ihrem gatten, schienen sie jedoch wenig zu kümmern. ihre einzige sorge galt der madonna, deren altar sie seit jahren hegte und pflegte, als sei es das wichtigste in ihrem ereignislosen dasein, und im grunde genommen war es auch das einzige, was sie jemals wirklich erfüllt hatte. die ehe mit eduardo war kinderlos geblieben, ein steter, stummer vorwurf in ihrer beider leben, das vor sich hingeplempert war wie das gluckernde wasser in der gosse … trüb und ohne kraft.
bei der einweisung hatte antonella alle persönlichen dinge abgeben müssen, doch niemand bemerkte, dass sie etwas in ihrer kittelschürze verborgen hielt, das sie beim kleidertausch schnell unter die anstaltskleidung schob und so in ihre zelle bringen konnte. dort zog sie die vergilbte, alte fotografie heraus, strich liebevoll darüber und murmelte ein gebet. beim anblick der madonna liefen ihr tränen über die welken wangen, und antonella stieß einen fast grunzenden laut aus, der die zellengenossin aufhorchen ließ.
„ich habe es ihr auf dem sterbebett versprochen!“ , murmelte die geplagte seele. und ohne dass auch nur eine nachfrage gekommen wäre, sprudelte es voller verzweiflung aus ihr heraus: „die schwiegermutter hatte ein gelübde abgelegt. den grund kenne ich nicht, aber sie hat nach einer wallfahrt eine nachbildung dieser madonna in der gasse hinter dem haus anbringen lassen. wer soll jetzt die kerzen anzünden und frische blumen in die vase stellen? ich hab es ihr doch versprochen …“
unter heftigem schluchzen schob sie das foto, das ihre schwiegermutter im stummen zwiegespräch mit der madonna zeigte, über den tisch …

fast erschien es ihm wie eine ohrfeige, als er das logo auf dem gegenzug bemerkte. das war es wohl … er war eigentlich immer ein „kleiner feigling“ gewesen. wie ein roter faden zog es sich durch sein leben. immer hatte er die entscheidungen dem zufall überlassen oder abgewartet, dass sich die dinge mit der zeit von selbst erledigten.
beim letzten zwischenaufenthalt fiel sein blick für einen moment auf den umriss einer frau, die auf der anderen seite des gebäudes über den bahnsteig eilte. ein seltsam vertrautes gefühl stellte sich ein. warum musste er gerade jetzt an marion denken? er hatte sie zwar als ausgesprochen guten kumpel in erinnerung, aber mehr war nie zwischen ihnen gewesen. vielleicht hätte sie es gewollt. damals hatte er nicht darüber nachgedacht, und jetzt war es wohl zu spät.
die sonne ging allmählich unter, und aus dem augenwinkel sah er einen sendeturm, was ihn wieder an seine ersten berufsjahre erinnerte. vor allem dachte er auch nach langer zeit wieder an carola. natürlich hatte er vor ihr allerlei freundinnen gehabt, sehr früh sogar schon, denn er kam recht gut beim anderen geschlecht an. aber wenn es so etwas wie die „große liebe“ geben sollte, dann hieß sie bei ihm wohl carola.