Bassena

5. das versprechen

7. Februar 2007 · 5 Kommentare

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von all den ereignissen um die aufgetauchte geburtsurkunde eduardos wusste die unglückselige antonella nichts. man hatte sie noch am mordtag ins bezirksfrauengefängnis gebracht. sie wirkte apathisch. die folgen des schnöden vergehens an ihrem gatten, schienen sie jedoch wenig zu kümmern. ihre einzige sorge galt der madonna, deren altar sie seit jahren hegte und pflegte, als sei es das wichtigste in ihrem ereignislosen dasein, und im grunde genommen war es auch das einzige, was sie jemals wirklich erfüllt hatte. die ehe mit eduardo war kinderlos geblieben, ein steter, stummer vorwurf in ihrer beider leben, das vor sich hingeplempert war wie das gluckernde wasser in der gosse … trüb und ohne kraft.

bei der einweisung hatte antonella alle persönlichen dinge abgeben müssen, doch niemand bemerkte, dass sie etwas in ihrer kittelschürze verborgen hielt, das sie beim kleidertausch schnell unter die anstaltskleidung schob und so in ihre zelle bringen konnte. dort zog sie die vergilbte, alte fotografie heraus, strich liebevoll darüber und murmelte ein gebet. beim anblick der madonna liefen ihr tränen über die welken wangen, und antonella stieß einen fast grunzenden laut aus, der die zellengenossin aufhorchen ließ.

„ich habe es ihr auf dem sterbebett versprochen!“ , murmelte die geplagte seele. und ohne dass auch nur eine nachfrage gekommen wäre, sprudelte es voller verzweiflung aus ihr heraus: „die schwiegermutter hatte ein gelübde abgelegt. den grund kenne ich nicht, aber sie hat nach einer wallfahrt eine nachbildung dieser madonna in der gasse hinter dem haus anbringen lassen. wer soll jetzt die kerzen anzünden und frische blumen in die vase stellen? ich hab es ihr doch versprochen …“

unter heftigem schluchzen schob sie das foto, das ihre schwiegermutter im stummen zwiegespräch mit der madonna zeigte, über den tisch …

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4. spurensuche

6. Februar 2007 · 6 Kommentare

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avvocato parigi erreichte soeben noch die morgenmaschine. atemlos ob dieser anstrengung, sank er in die polster der buisiness class und warf seine nappalederne aktentasche auf den freien nachbarsitz. später gedachte er sich dem studium der unterlagen zu widmen, doch zunächst bestellte er ein opulentes frühstück.

den anwalt drängte es im grunde nicht, sich auf die beschwerliche reise nach argentinien zu begeben, um die familiären hintergründe der leonettis zu entwirren. aber es war eben ein angebot, das er schlecht ablehnen konnte, und so fingerte er beim dritten kaffee nach der geburtsurkunde des ermordeten eduardos … wohl denkend, dass es jetzt auch nicht mehr darauf ankäme, wer denn nun tatsächlich dessen eltern gewesen waren. mauro leonetti hatte nämlich nach der lektüre des schriftstücks erhebliche zweifel daran angemeldet, dass er und eduardo aus einem schoß entsprungen seien.

carlo parigi vertiefte sich also seufzend in das dokument, d.h. er gab sich den anschein, als täte er es, denn der beleibte anwalt, der sich selbst als „in den besten jahren stehend“ bezeichnete, trug ein dunkles geheimnis mit sich. niemand hätte wohl vermutet, dass ein leidlich erfolgreicher notar, der zudem aus einem alteingesessenen advokatengeschlecht stammte, außer einer schwungvollen unterschrift nichts beherrschte, was auch nur entfernt mit dem lesen und schreiben zu tun hatte. geschickt hatte er es über die jahre verstanden, seiner sekretärin und einem fähigen jungen anwaltskollegen eine schmierenkomödie vorzuspielen, die nur noch durch das bravourstück überboten wurde, das er anlässlich der übernahme der kanzlei seines verstorbenen onkels vor der anwaltskammer hingelegt hatte.

erfahren in allen techniken, seine umgebung hinsichtlich seines makels zu täuschen, wartete er ab, bis die für eine flugbegleiterin etwas zu üppige blondine den gang hinuntertänzelte, und ließ wie zufällig seine brille vor ihren füßen auf den boden fallen …

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3. männergespräche

5. Februar 2007 · 1 Kommentar

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eduardos beisetzung hätte eigentlich im engsten familienkreis stattfinden sollen. aber nachdem man die unglückliche antonella ins bezirksgefängnis geschafft hatte, blieb nur noch mauro leonetti übrig, denn beide brüder waren kinderlos geblieben … zumindest offiziell. mauros plötzlicher eintritt in die fremdenlegion war seinerzeit nämlich auch eine art flucht vor eventuell eingetretenen „schwierigkeiten“ mit einer gewissen marcella gewesen. aber das lag lange zurück, und er hatte nie wieder etwas von ihr gehört.

mauro bat also seine engsten freunde nach der einäscherung in sein lokal, um seines bruders in würde zu gedenken.

am vortag hatte mauro das elterliche hause aufgesucht, um die auflösung desselben in die wege zu leiten. er ging durch die lange nicht mehr betretenen räume, schaute hier und dort in schränke und laden, und nahm schließlich am fenster platz, um hinaus auf das meer zu blicken und nachzudenken. nach einer weile fiel ihm das bild seiner eltern ins auge, das auf einem niedrigen schrank vor sich hin staubte. er stand auf, nahm es zur hand, und da ihm der billige, abgestoßene rahmen zutiefst missfiel, schickte er sich an, das bild herauszunehmen. die eingerosteten nägel schienen mit der papprückwand verwachsen zu sein, doch mit einigem kraftaufwand gelang es mauro, sie zu lösen. zu seiner großen überraschung flatterte ihm ein vergilbtes schreiben entgegen, das hinter dem bild verborgen war. noch erstaunter war er allerdings, als er das dokument las. sein spanisch war zwar nicht perfekt, aber er konnte dem inhalt dennoch entnehmen, dass es sich um die geburtsurkunde seines bruders handelte … ausgestellt in mendoza, argentinien. das an sich war nicht verwunderlich, denn eduardo war ja zu der zeit geboren, als die leonettis sich in südamerika aufgehalten hatten; damals, als der vater geglaubt hatte, sich dort als weinbauer eine neue existenz schaffen zu können.

nein, verwundert war mauro wegen der namen, die er auf dem dokument las. … und genau darüber sprach er bei der totensuppe mit carlo, seinem engsten vertrauten, den er zu recherchen nach argentinien zu schicken gedachte. …

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2. jenseits von afrika

4. Februar 2007 · 3 Kommentare

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völlig erschüttert vom plötzlichen und nicht ganz freiwilligen dahinscheiden seines bruders machte sich mauro leonetti auf den weg zu dem strandlokal, das er in menton betrieb. fast 95jährig blickte er zurück auf ein bewegtes, ereignisreiches leben. dennoch war der mord an seinem einzigen bruder dazu angetan, ihn in herbe verzweiflung zu stürzen. nie hätte er der unscheinbaren antonella eine solche tat zugetraut. wohl kannte er sie nicht in all ihren finsteren facetten, denn schon früh hatte er das elterliche haus an der ligurischen küste verlassen, um dem ruf der fremdenlegion zu folgen. lange jahre hatte er in afrika gelebt, was ihn entscheidend geprägt und sogar bei der ausgestaltung seines restaurants beeinflusst hatte, das er nach seinem abschied von der armee in dem verträumten örtchen an der französischen küste eröffnet hatte. die geschäfte liefen gut, und er hätte sich aufs altenteil zurückziehen können, doch war er eine starke persönlichkeit, die sich nicht gerne in die karten gucken ließ. insgeheim nannte man ihn den padrone von menton, aber davon wollte mauro natürlich nichts wissen.

im gegensatz zu dem stets schwächelnden und verweichlichten eduardo, der an der seite der nun zur mörderin gewordenen antonella ein bescheidenes leben als kleiner bahnbeamter gefristet hatte, lebte mauro auf großem fuß … in beiderlei bedeutung des wortes, denn er war sowohl überaus vermögend als auch von hünenhafter gestalt, einschließlich der zugehörigen füße. dies war ihm beim austreten von buschbränden oft von vorteil gewesen, erwies sich im täglichen gebrauch aber als unkommod.

wenn zwei brüder so unterschiedlich sind, kommt irgendwann der verdacht auf, dass die dinge nicht dergestalt zusammenhängen, wie es nach außen erscheinen mag … und an der auflösung dieses geheimnisses krankte mauro seit vielen jahren. oft hatte er eduardo beobachtet, nach ähnlichkeiten, eventuellen gemeinsamkeiten gesucht. er war ihm immer fremd geblieben, obwohl mauro aus unerfindlichen gründen an dem jüngeren bruder hing.

was war damals geschehen, als die eltern unter zurücklassung seiner nach südamerika gegangen und nach wenigen jahren mit diesem bündel namens eduardo im arm zurückgekehrt waren? …

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1. der mantel der madonna

3. Februar 2007 · 4 Kommentare

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„onkel eduardo ist schon ein toller hecht!“, raunte massimo seinem bruder giovanni zu. nicht laut natürlich, denn er hatte mächtigen respekt vor tante antonella. die war soeben wutentbrannt und wild gestikulierend in das während der nachsaison nur von wenigen touristen besuchte strandrestaurant gerauscht.

was war geschehen? nun, eduardo, dessen wildromantische tage antonella der vergangenheit zugehörig gewähnt hatte, schien eine art verspäteten frühling zu erleben, seit die rassige loredana die wohnung im haus gegenüber bezogen hatte. seltsame veränderungen gingen seitdem im hause der leonettis vor. jeden tag ließ sich der gatte ein frisches hemd herauslegen, verlangte nach gebügelten hosen und geputzten schuhen … und neuerdings roch er so aufdringlich nach rasierwasser und pomade.

zunächst hatte antonella der sache keine große bedeutung beigemessen, aber zunehmend ärgerte sie sich über eduardo, der keine gelegenheit ausließ, der schönen nachbarin gefällig zu sein, ihr nachgerade auflauerte, um sich zum hanswurst zu machen. so jedenfalls sah es antonella. Weiterlesen →

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neues vom grinkel: spare in der zeit, dann hast du in der not

25. September 2006 · 4 Kommentare

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der sommer war nicht nach magals geschmack gewesen. zu viele schöne tage, viel zu fröhliche menschen, die sich ihrer guten laune hingegeben und wenig sinn für niederträchtige gedanken gehabt hatten. wie soll sich ein ausgewachsener grinkel davon ernähren, dass man sich nettigkeiten zuflüstert und unter tändeln und scherzen die zeit verrinnen lässt!?

doch die tage wurden nun merklich kürzer, morgendlicher nebel und im nieselregen dämmernde abende verbreiteten eine leicht düstere stimmung, die die laune unseres grinkels deutlich hob. so kroch er wieder häufiger unter seiner frauenmantelblattbehausung hervor und ließ sich die zahlreicher werdenden gedanklichen leckerbissen wohl munden. an einem spätseptemberfreitag hatte er das glück, einen ausgewachsenen streit zwischen einem ehepaar mittleren alters zu erleben. die vorspeise war ihm zwar durch die lappen gegangen, denn als er sich lässig durch das buschwerk richtung parkplatz hangelte, war die beule schon im wagen. aber die debatte darüber, wer schlussendlich die schuld an der panne trüge, konnte als opulentes hauptgericht abgebucht werden. schon gesättigt von der fülle an wirklich miesen gedanken, wollte sich magal unter verzicht auf die nachspeise schon zurückziehen, als er in einem nahen haselnussstrauch ein seltsames geschöpf wahrnahm. dieses zog magals aufmerksamkeit auf sich, weil es nach dem verzehr einer nuss eine weitere nicht etwa verspeiste, sondern sich mit behenden bewegungen davonmachte, um die beute im boden zu vergraben.

das verwunderte den grinkel sehr, und schlau wie er war, schloss er daraus sogleich, dass dieses tun der vorratshaltung dienen müsse. nie zuvor war er auf den gedanken gekommen, dass man nahrung horten könnte. jetzt war er geradezu besessen von diesem einfall. doch wie könnte man seine nahrung, die schlechten gedanken, konservieren? er zog sich an seinen lieblingsort bei den mülltonnen zurück, um über das problem nachzudenken.

nun trug es sich zu, dass soeben die frau aus dem erdgeschoss einen stapel zeitungen zur papiertonne schleppte. hinter ihr her kam mit wehenden hosenträgern ihr gatte und schimpfte wie ein rohrspatz, was magal nicht mal sonderlich interessierte, da er gerade übersattigt war. er schnappte jedoch eine höchst interessante neuigkeit auf. offenbar befanden sich in diesen zeitungen allerlei niederträchtigkeiten. doch wie waren sie dort hineingekommen … und vor allem, wie kriegte man sie wieder dort heraus? jedenfalls schien ihm diese zeitungsgeschichte rein vom vorrratstechnischen her betrachtet eine nähere überlegung wert zu sein.

doch dann überschlugen sich die ereignisse nachgerade, als die gute frau einen sogenannten fernseher ins gespräch brachte, in dem man all den schändlichen kram in bild und ton serviert bekäme. ein fernseher? was war das? die alte dame, bei der magal zeitweise gelebt hatte, war nicht im besitz eines solchen wunderdings gewesen. aber es musste so etwas sein wie der schrank mit der weißen tür, in dem sie stets ihre speisen aufbewahrte, und aus dem immer so ein kühler luftzug entwichen war. ein fernseher musste eine art aufbewahrungsort für miese gedanken sein. ob es darin auch kühl sein musste? ob sich miese gedanken im kalten besser halten würden?

magal wusste es nicht, war auch zu erschöpft, um weiter darüber nachzudenken.

er beschloss, sich erst mal unter sein frauenmantelblatt zurückzuziehen … aber gleich morgen wollte er sich einen fernseher besorgen …

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der letzte tango

17. Juni 2006 · 6 Kommentare

[photopress:letzter_tango.jpg,full,centered] foto: servusfranz

dr. ansgar pilgenröder lebte zurückgezogen in einer vorstädtischen reihenhaussiedlung. morgens verließ er gegen sieben uhr das haus, um mit der straßenbahn ins stadtzentrum zu fahren. seit vielen jahren war er leiter der einzelzahler-abteilung einer versicherung. ausgesucht hatte er sich das nicht, aber es hatte sich so ergeben … wie sich alles in seinem leben einfach so ergeben hatte. er war es gewohnt dem schicksal seinen lauf zu lassen und dachte nicht weiter darüber nach. er funktionierte, wie das zahnrad einer uhr in seinem gefüge.

doch tief in seinem innersten hatte er sich einen fluchtpunkt bewahrt, eine seite, die niemand von ihm kannte. etwas, das nur ihm allein gehörte. wohl hatte sich auch das einfach so ergeben, aber er hatte es verteidigt, die stellung sogar ausgebaut, und in dieser nacht trat er zu seinem letzten kampf an.

gleich nach büroschluss war er nach hause geeilt und dann mit seinem alten fahrrad zu dem verlassenen gebäude der bleistiftfabrik gefahren. schon als kind hatte er dort gespielt, und als vor jahren der betrieb aufgelöst, die hauptgebäude abgerissen und nur noch ein paar nebenhallen stehen geblieben waren, um die sich niemand scherte, hatte er das gelände zu seinem zufluchtsort erklärt. in einem der lagerräume hatte er ein altes spind gefunden, in dem er eines tages eine im sperrmüll gefundene schaufensterpuppe deponierte. wann immer es ihn drängte … und das war meist in den mondhellen nächten, in denen er keinen schlaf fand … schlich er sich durch das verrottete tor in die halle, nahm seine geliebte aus ihrem verlies und tanzte mit ihr im fahlen licht, das durch die blinden scheiben drang. niemals sprach er auch nur ein wort mit ihr, aber er umfasste ihren schlanken körper, zog sie an sich, so dass sie unter seinen berührungen ächzte, und führte sie sicher über den tanzboden. voller leidenschaft stierte ansgar tief in ihre leeren augen und ließ die unerfüllten sehnsüchte, die unausgesprochenen hoffnungen, eben all sein lebensleid an ihrem kühlen, glatten kompositkörper abprallen.

diese nacht nun würde ihre letzte sein, denn am folgenden tag sollte der abriss der letzten gebäude ihn seines traumlandes endgültig berauben. vor dem letzten tanz hatte er die stille geliebte bräutlich geschmückt. der weiße schleier, den er liebevoll um sie schlang, war sein erstes und einziges geschenk an sie, ein abschiedsgeschenk.

der letzte tanz würde ein tango sein, das hatte er sich schon am morgen beim verzehr seiner leberwurstbrote ausgemalt. nun war es so weit. das nachtlicht erfüllte die verstaubte halle. ansgar drückte vorsichtig sein mondkind an sich, beugte sie leicht zurück, und mit der musik im kopf setzte er lautlos den ersten schritt …

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die zertanzten schuhe

3. Juni 2006 · 4 Kommentare

 

die-zertanzten-schuhe1.jpg

foto: sylvia mancini 

nur einen ganz kleinen moment wollte sie luft schnappen, wirklich nicht lange. der empfang zog sich, und obwohl sie schon mit fast allen herren getanzt hatte, fühlte sie sich innerlich leer. es lag nicht an den musikern, die sich redlich mühten. der champagner war kühl und prickelte in ihrer kehle. ein perfekter abend eigentlich. dennoch sehnte sie sich nach einem moment des glücks und war froh, dem schwer im raum hängenden dunst von gehobener spießigkeit zu entfliehen.

im schutz der dunkelheit stahl sie sich in richtung hinterhof, hörte durch das offene fenster stimmen und das klappern von geschirr. lachen drang an ihr ohr. sie drückte sich näher an die hauswand und zog eine schachtel zigaretten unter dem strumpfband hervor. ihr lebensgefährte duldete nicht, dass sie rauchte, doch jetzt war sie allein. gierig zog sie an dem Glimmstängel, lehnte sich an die kühle wand, und es tat ihr gut.

während sie den küchengeräuschen lauschte, entdeckte sie im fahlen schein der außenlampe eine zeichnung auf dem boden. sie erschrak, denn im ersten moment erinnerte es sie an die aufgezeichneten konturen eines mordopfers. doch bei näherer betrachtung schien ein glatzköpfiger mann mit langer nase zu ihren füßen zu liegen. woher kannte sie ihn nur? die figur kam ihr seltsam vertraut vor. war sie wohl aus einem kinderbuch entflohen? und wer hatte sie ihr geschickt?

einer spontanen eingebung folgend stieg sie aus den schuhen, und mit der andeutung einer verbeugung fragte sie: „darf ich bitten?“ weil sie keine antwort erhielt, begann sie, den mann auf dem pflaster einfach in ihre drehungen einzubeziehen. sie fühlte sich ganz leicht dabei, und der saum ihres kleides flatterte im nachtwind. immer wilder wurden ihre sprünge und sie lachte.

plötzlich fühlte sie sich am arm gepackt und unwirsch auf den boden der tatsachen zurück gezogen.

„was soll das? ich suche dich schon überall! komm jetzt, wir fahren!“ ,herrschte sie eine ihr nur zu bekannte stimme an. das eben erst gefundene, kleine glück zerplatzte wie eine seifenblase. ohne widerspruch folgte sie. nur die schuhe blieben zurück … und der stumme tänzer.

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wenn einer eine reise tut … # 10

22. Mai 2006 · 3 Kommentare

reise-19.jpgfast erschien es ihm wie eine ohrfeige, als er das logo auf dem gegenzug bemerkte. das war es wohl … er war eigentlich immer ein „kleiner feigling“ gewesen. wie ein roter faden zog es sich durch sein leben. immer hatte er die entscheidungen dem zufall überlassen oder abgewartet, dass sich die dinge mit der zeit von selbst erledigten.

als carola damals den job in johannesburg annahm, hätte er mit ihr gehen können. aber wieder einmal fehlte es ihm an der nötigen entschlusskraft, und wenig später lernte er nicole, seine jetzige lebensgefährtin, kennen, die ihn drängte, in der firma ihres vaters einzusteigen. der job in der werbeabteilung hatte ihn interessiert, machte ihm zunächst auch spaß, aber inzwischen war alles zur routine geworden, und er fühlte sich oft gelangweilt und weit von dem entfernt, was er eigentlich gerne machen würde.

nein, er war sich jetzt sicher! er würde dieses eine mal nicht andere die entscheidungen treffen lassen. diesen vertrag würde er nicht unterschreiben! er hätte es gestern deutlicher sagen sollen: eine teilhaberschaft in dieser firma kam für ihn nicht in frage … und die zwar unausgesprochene, aber im raum schwebende aufforderung, doch endlich die Vverbindung mit nicole zu legalisieren, schon gar nicht. er ließ sich weder zu einer heirat nötigen, noch ließ er sich fesseln an diese firma, die ihm nicht am herzen lag, sondern mehr und mehr zum hemmschuh wurde.

bisher hatte er noch mit niemandem darüber gesprochen, auch mit nicole nicht. aber gleich bei der heimkunft würde er es ihr sagen: er würde das angebot seines freundes carsten annehmen und das buch schreiben, das er immer hatte schreiben wollen.

der zug lief in den zielbahnhof ein, und er sprang entschlossen auf.
er fühlte sich plötzlich unendlich stark und frei.

ENDE

NACHWORT

eine reise geht zu ende. die eben noch mit gleichem ziel versammelten zerstreuen sich, und übrig bleibt der held der geschichte, eine namenlose phantasiegestalt. dieser reisende durfte während seiner fahrt meine erinnerungen an eine erfüllte jugendzeit haben, an geschichten denken, die allesamt so geschehen sind. lediglich die namen der handelnden personen wurden geändert, unwesentliche details leicht verschoben. sein charakter und seine lebensumstände sind ihm von mir auf den leib geschrieben worden. aber auch dabei habe ich an bestimmte menschen gedacht … menschen, die mir etwas bedeuten.

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wenn einer eine reise tut … # 9

21. Mai 2006 · Kommentar schreiben

reise-17.jpgbeim letzten zwischenaufenthalt fiel sein blick für einen moment auf den umriss einer frau, die auf der anderen seite des gebäudes über den bahnsteig eilte. ein seltsam vertrautes gefühl stellte sich ein. warum musste er gerade jetzt an marion denken? er hatte sie zwar als ausgesprochen guten kumpel in erinnerung, aber mehr war nie zwischen ihnen gewesen. vielleicht hätte sie es gewollt. damals hatte er nicht darüber nachgedacht, und jetzt war es wohl zu spät.

marion und er trafen sich zu oberstufenzeiten häufig, oft nach dem abendlichen training am sportplatz oder auch bei ihm zu hause, um musik zu hören und zu reden. er war sich jetzt nicht mehr sicher, ob das alles so bedeutungslos war, wie es ihm damals erschienen war. frauen entwickeln zum erreichen ihre ziele zuweilen seltsame methoden, darüber war er sich im laufe der jahre klar geworden.

nach dem umsteigen blieb nur noch eine stunde fahrzeit und er war erstaunt, wie rasch doch die zeit vergangen war. er rollte die zeitschrift zusammen und steckte sie in die seitentasche, denn es gefiel ihm zunehmend, sich in seinen gedanken zurück in die vergangenheit treiben zu lassen. noch war er sich nicht sicher, wen er auf der feier am abend wiedertreffen würde, ob es nach all den jahren überhaupt noch gemeinsamkeiten gab. als er wegen der zusage mit holger, dem organisator der veranstaltung, telefonierte, hatte er jedoch gleich das gefühl, dass die wellenlänge immer noch stimmte, und das erfüllte ihn umso mehr mit vorfreude.

reise,-fernsehturm.jpgdie sonne ging allmählich unter, und aus dem augenwinkel sah er einen sendeturm, was ihn wieder an seine ersten berufsjahre erinnerte. vor allem dachte er auch nach langer zeit wieder an carola. natürlich hatte er vor ihr allerlei freundinnen gehabt, sehr früh sogar schon, denn er kam recht gut beim anderen geschlecht an. aber wenn es so etwas wie die „große liebe“ geben sollte, dann hieß sie bei ihm wohl carola.

gleich am ersten arbeitstag war sie ihm aufgefallen, wohl wegen dieser mischung aus zurückhaltung und in sich ruhender selbstsicherheit. es dauerte keine woche und sie waren unzertrennlich. eigentlich verkörperte sie in sich, was er bei all ihren vorgängerinnen nur in fragmenten hatte finden konnte. die jahre mit ihr waren ein einziger rausch, und nie wieder würde auch nur irgendetwas sein wie mit ihr.

war sie letztlich zu perfekt? war es daran gescheitert? er hatte sich diese frage oft gestellt, jedenfalls anfangs. dann hatte er es einfach verdrängt und sich schließlich auf die neue beziehung konzentriert.

… fortsetzung folgt …

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