Tagesarchiv: 27. Januar 2006

der eisbaum

[photopress:eisbaum_600.jpg,full,centered] foto: servus franz

über nacht war die kälte gekommen, hatte ihn überrascht, ihm die blätter entrissen und ihn nackt und bloß im schneidenden wind stehen lassen.

am ufer stand ein kleines mädchen. lange starrte es auf die eisfläche und dachte bei sich: „wenn es der baum schafft, sich so ins eis zu drücken, dass es aufbricht, dass es schließlich ganz weicht und er sich wieder im wasser spiegeln kann, dass wie in vergangenen tagen sich die wellen in seinen zweigen kräuseln, die fische über seine äste springen und die wasservögel in seiner baumkrone landen, wenn er also der kälte trotzen kann und die hoffnung doch nicht verliert, dass der frühling zurückkehren wird, um alles mit wärme zu erfüllen und neues leben zu bringen, wie soll ich da aufgeben? die hand des winters hat so eisig nach ihm gegriffen, wie der schmerz nach meinem herzen. zwar friere ich und alle hoffnung scheint dahin, aber tief in mir ist es warm. ich werde die kälte besiegen … so wie er.“.

und das mädchen legte in stummem einvernehmen seine hand auf den stamm des baumes. sie fühlte sich nicht mehr allein in der kälte, die beide umgab. und in diesem moment wusste sie es ganz genau: tief in ihnen schlummerte der wille zum überleben. die flamme war nicht erloschen, sie schlief nur, würde mit sicherheit aufflackern und die kälte niederringen.

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