Monatsarchiv: Mai 2006

wenn einer eine reise tut … # 10

reise-19.jpgfast erschien es ihm wie eine ohrfeige, als er das logo auf dem gegenzug bemerkte. das war es wohl … er war eigentlich immer ein „kleiner feigling“ gewesen. wie ein roter faden zog es sich durch sein leben. immer hatte er die entscheidungen dem zufall überlassen oder abgewartet, dass sich die dinge mit der zeit von selbst erledigten.

als carola damals den job in johannesburg annahm, hätte er mit ihr gehen können. aber wieder einmal fehlte es ihm an der nötigen entschlusskraft, und wenig später lernte er nicole, seine jetzige lebensgefährtin, kennen, die ihn drängte, in der firma ihres vaters einzusteigen. der job in der werbeabteilung hatte ihn interessiert, machte ihm zunächst auch spaß, aber inzwischen war alles zur routine geworden, und er fühlte sich oft gelangweilt und weit von dem entfernt, was er eigentlich gerne machen würde.

nein, er war sich jetzt sicher! er würde dieses eine mal nicht andere die entscheidungen treffen lassen. diesen vertrag würde er nicht unterschreiben! er hätte es gestern deutlicher sagen sollen: eine teilhaberschaft in dieser firma kam für ihn nicht in frage … und die zwar unausgesprochene, aber im raum schwebende aufforderung, doch endlich die Vverbindung mit nicole zu legalisieren, schon gar nicht. er ließ sich weder zu einer heirat nötigen, noch ließ er sich fesseln an diese firma, die ihm nicht am herzen lag, sondern mehr und mehr zum hemmschuh wurde.

bisher hatte er noch mit niemandem darüber gesprochen, auch mit nicole nicht. aber gleich bei der heimkunft würde er es ihr sagen: er würde das angebot seines freundes carsten annehmen und das buch schreiben, das er immer hatte schreiben wollen.

der zug lief in den zielbahnhof ein, und er sprang entschlossen auf.
er fühlte sich plötzlich unendlich stark und frei.

ENDE

NACHWORT

eine reise geht zu ende. die eben noch mit gleichem ziel versammelten zerstreuen sich, und übrig bleibt der held der geschichte, eine namenlose phantasiegestalt. dieser reisende durfte während seiner fahrt meine erinnerungen an eine erfüllte jugendzeit haben, an geschichten denken, die allesamt so geschehen sind. lediglich die namen der handelnden personen wurden geändert, unwesentliche details leicht verschoben. sein charakter und seine lebensumstände sind ihm von mir auf den leib geschrieben worden. aber auch dabei habe ich an bestimmte menschen gedacht … menschen, die mir etwas bedeuten.

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wenn einer eine reise tut … # 9

reise-17.jpgbeim letzten zwischenaufenthalt fiel sein blick für einen moment auf den umriss einer frau, die auf der anderen seite des gebäudes über den bahnsteig eilte. ein seltsam vertrautes gefühl stellte sich ein. warum musste er gerade jetzt an marion denken? er hatte sie zwar als ausgesprochen guten kumpel in erinnerung, aber mehr war nie zwischen ihnen gewesen. vielleicht hätte sie es gewollt. damals hatte er nicht darüber nachgedacht, und jetzt war es wohl zu spät.

marion und er trafen sich zu oberstufenzeiten häufig, oft nach dem abendlichen training am sportplatz oder auch bei ihm zu hause, um musik zu hören und zu reden. er war sich jetzt nicht mehr sicher, ob das alles so bedeutungslos war, wie es ihm damals erschienen war. frauen entwickeln zum erreichen ihre ziele zuweilen seltsame methoden, darüber war er sich im laufe der jahre klar geworden.

nach dem umsteigen blieb nur noch eine stunde fahrzeit und er war erstaunt, wie rasch doch die zeit vergangen war. er rollte die zeitschrift zusammen und steckte sie in die seitentasche, denn es gefiel ihm zunehmend, sich in seinen gedanken zurück in die vergangenheit treiben zu lassen. noch war er sich nicht sicher, wen er auf der feier am abend wiedertreffen würde, ob es nach all den jahren überhaupt noch gemeinsamkeiten gab. als er wegen der zusage mit holger, dem organisator der veranstaltung, telefonierte, hatte er jedoch gleich das gefühl, dass die wellenlänge immer noch stimmte, und das erfüllte ihn umso mehr mit vorfreude.

reise,-fernsehturm.jpgdie sonne ging allmählich unter, und aus dem augenwinkel sah er einen sendeturm, was ihn wieder an seine ersten berufsjahre erinnerte. vor allem dachte er auch nach langer zeit wieder an carola. natürlich hatte er vor ihr allerlei freundinnen gehabt, sehr früh sogar schon, denn er kam recht gut beim anderen geschlecht an. aber wenn es so etwas wie die „große liebe“ geben sollte, dann hieß sie bei ihm wohl carola.

gleich am ersten arbeitstag war sie ihm aufgefallen, wohl wegen dieser mischung aus zurückhaltung und in sich ruhender selbstsicherheit. es dauerte keine woche und sie waren unzertrennlich. eigentlich verkörperte sie in sich, was er bei all ihren vorgängerinnen nur in fragmenten hatte finden konnte. die jahre mit ihr waren ein einziger rausch, und nie wieder würde auch nur irgendetwas sein wie mit ihr.

war sie letztlich zu perfekt? war es daran gescheitert? er hatte sich diese frage oft gestellt, jedenfalls anfangs. dann hatte er es einfach verdrängt und sich schließlich auf die neue beziehung konzentriert.

… fortsetzung folgt …

wenn einer eine reise tut … # 8

reise-15.jpgauf dem bahnsteig herrschte geschäftiges treiben. er griff nach seiner tasche und wartete, bis die übrigen reisenden ausgestiegen waren. der anschlusszug kam erst in einer halben stunde, daher hatte er keine eile.

in der bahnhofshalle versuchte er seine sekretärin anzurufen, aber offenbar nutzte sie das vorgezogene wochenende, um ihre grippe auszukurieren. die gute machte stets großes aufhebens davon, wenn sie krank war. aber ihre angst vor bazillen war kein vergleich zu dem aufstand, den die mutter seiner klassenkameradin sieglinde damals gemacht hatte, was ihm soeben wieder einfiel.

jede gemeinschaft muss wohl den ein oder anderen sonderfall verkraften. in schulklassen ist das, einem seltsamen gesetz folgend, oft der klassenprimus. die männliche ausgabe dieser spezies war zu seiner schulzeit ein durchaus brauchbarer typ namens karl-heinz gewesen, die weibliche variante jedoch eine klassische sieglinde. sie machte stets einen verhuschten eindruck, was wohl auch auf die glasbausteinartigen brillengläser, die kränkliche, gelbliche gesichtsfarbe und die ungelenken bewegungen zurückzuführen war. eigentlich war sie ein hilfsbereites ding, das ohne widerworte seine hefte zum abschreiben der hausaufgaben herausrückte. sie hätte andere auch gerne bei der vorbereitung auf klassenarbeiten unterstützt, aber sie traute sich nicht, weil ihre eltern ihr eingeschärft hatten, dass ihre eigenen zukunftsaussichten dadurch geschmälert würden.

trotz der guten noten hätte wohl niemand mit sieglinde tauschen mögen, schon gar nicht, wenn die ärmste krank war und für tage auf ihrem zimmer darben musste. die mutter war nämlich, was bazillen betraf, derart panisch, dass sie, um jeden kontakt mit der kranken zu vermeiden, das essen in einer plastiktüte von außen an die klinke hängte und das öffnen der zimmertür zum hereinholen desselben erst erlaubte, wenn alle flurtüren geschlossen waren.

im nachträglichen bedauern dieses schicksals befindlich begab er sich auf den bahnsteig und erwartete das einlaufen des ice.

reise,-Heimfahrt.jpger empfand es als angenehm, in den tiefen polstern zu versinken und die ruhe im fast leeren abteil zu genießen, auch wenn es nur eine kurze fahrt werden würde, denn er musste ein letztes mal umsteigen. ein einziger weiterer fahrgast hatte es sich am fenster gemütlich gemacht und ging seiner beschäftigung nach. das reisen mit der bahn hatte durchaus seine beschaulichen seiten, was seiner neigung zu allem schönen und genussvollen sehr entgegen kam.

sein leben hatte sich über die jahre leider weniger geruhsam entwickelt, als ihm das lieb war, denn im grunde war er kein karrieretyp, und es behagte ihm gar nicht, dass man versuchte ihn in diese rolle zu drängen. noch hatte er jedoch die fäden seines schicksals in der hand, im gegensatz zu dem bedauernswerten karl-georg, der vor noch nicht ganz zwei jahren schlagzeilen gemacht hatte, als er erstochen auf irgendeinem parkplatz aufgefunden worden war. er sah das bild an einem montagmorgen in der boulevard-zeitung, die aufgeschlagen auf dem schreibtisch seines kollegen lag, und hätte den ermordeten fast nicht erkannt. karl-georg hatte zu schulzeiten dem mathematisch-naturwissenschaftlichen zweig angehört, mit dem man nicht viel zu tun hatte. dennoch war es ein schock, dass sich dieser ehemals so unscheinbare bursche auf irgendwelche dubiosen geldgeschäfte eingelassen hatte, um seine marode firma zu retten.

er selbst hatte nie existenzängste kennen lernen müssen, denn er stammte aus einem recht wohlhabenden elternhaus, und auch sein beruflicher werdegang hatte immer unter einem günstigen stern gestanden.

… fortsetzung folgt …

wenn einer eine reise tut … # 7

reise,-reihenhäuser.jpgdamals müsste sein klassenlehrer etwa im gleichen alter gewesen sein wie er jetzt. merkwürdige vorstellung! wie hatte er wohl gelebt? etwa in einer reihenhaussiedlung?

weder er noch die anderen hatten sich zu schulzeiten tiefere gedanken um das privatleben der lehrer gemacht, aber viele seiner klassenkameraden strebten genau diesen lehrberuf an, sobald sie die schule verlassen hatten. er selbst wäre nie auf einen solchen gedanken gekommen. sport hätte ihn interessiert. er war von anfang an im schuleigenen sportverein, hielt lange jahre die bestmarke seines jahrgangs im weitsprung. aber der schuldienst wäre nichts für ihn gewesen, und so studierte er journalistik und romanistik, hatte danach das glück bei einem fernsehsender einsteigen zu können und fühlte sich rundum zufrieden und ausgefüllt. insgeheim war er sogar ein bisschen stolz auf sich, denn so wirklich hätte ihm wohl keiner seiner schulfreunde diesen werdegang zugetraut.

es waren gute jahre bei diesem fernsehsender, und wer weiß, was noch aus ihm geworden wäre, wenn er nicht die frau seines lebens getroffen hätte. jedenfalls glaubte er damals, dass sie es sei. inzwischen hegte er daran jedoch einige zweifel. aber er hatte sich vorgenommen, an diesem wochenende nicht weiter darüber nachzudenken.

er rauchte eine zigarette und blätterte halbherzig in der zeitschrift, die er wieder zur hand genommen hatte. doch die vergangenheit ließ ihn nicht los und er versuchte, sich an die anderen lehrer zu erinnern.

bei allen beliebt war der deutschlehrer, was auch auf dessen großzügigkeit zurückzuführen war, hauptsächlich jedoch auf seinen humor. er liebte schnelle zusammenfassungen, damit zeit für die wirklich wichtigen themen blieb. so meinte er beispielsweise: „ach, das mit den sagen müsst ihr alles nicht so genau wissen. ich erzähl euch das mal schnell! also: krimhild, brunhild und die anderen strategisch wichtigen jungfrauen dieses zeitalters …“

allerdings bestand er auf pünktlichkeit, was leider nicht so recht mit rudis auffassung von der morgendlichen zeiteinteilung übereinkam. zugegeben, die ausreden waren oft recht abenteuerlich, was dann auch den deutschlehrer zu den worten veranlasste: „dann sag doch gleich: ‚unser gaskocher ist explodiert!!’“ es kam, wie es kommen musste. am nächsten morgen hatte rudi mal wieder ein mangelhaftes timing, steckte den kopf zur unzeit zur tür herein und antwortete auf den fragenden blick des herrn doktors: „unser gaskocher ist explodiert!“ damit war die stunde dann auch gelaufen gewesen.

reise,-weiße-linie.jpgwährend er noch wegen dieser geschichte in sich hinein grinste, kam bewegung in die reihen der fahrgäste. koffer wurden aus den ablagefächern gehoben, jacken von den haken genommen. ein blick auf die uhr zeigte ihm, dass er sich auf das umsteigen vorbereiten musste.

… fortsetzung folgt …

wenn einer eine reise tut … # 6

reise,-strommast.jpgdegenhardt ging ihm nicht aus dem kopf. in dem lied kam dann die stelle, wo es hieß: „ ‚lieber rudi dutschke’, würde vati sagen …“ sicher, man wusste, wer rudi dutschke war, aber die wirklichen revolutionen fanden woanders statt. die einzige „revolutionäre“ tat seiner jahrgangsstufe war die verweigerung einer offiziellen abiturfeier gewesen. das hatte es an der schule nicht mal 1968 gegeben, so weit er das wusste, eigentlich nur in seinem abitur-jahrgang. den grund dafür hatte er auch längst vergessen.

sein freund carsten, der auf dem land aufgewachsen war, erzählte ganz andere geschichten aus seiner schulzeit. dort ging es rau und nicht immer herzlich zu. die evangelischen wurden verprügelt, nur weil sie evangelisch waren. arbeiterkinder bekamen bei gleicher leistung schlechtere noten, nur weil der vater sich keine gelegentlichen stiftungen leisten konnte.

ihm fiel sein mathelehrer ein, der nicht müde geworden war, rechnungen aufzustellen, die beweisen sollten, dass es nichts sinnvolleres gäbe, als sofort das gymnasium zu verlassen, eine ausbildung zu machen und eine uneinholbare menge geld zu verdienen, bis die elite schule und studium abgeschlossen hätte. außerdem herrschte bei vielen noch die ansicht vor, dass sich eine langjährige schul- und studienzeit für ein mädchen nicht lohne, der realschulabschluss also völlig ausreichend sei. er fand das damals schon sehr merkwürdig und war froh, in einem fortschrittlicheren haus aufgewachsen zu sein. seine schwester erschien ihm ohnehin immer viel begabter zu sein als er selbst. vielleicht war sie auch nur fleißiger gewesen. jedenfalls machte sie später die karriere, die sein vater sich für ihn erträumt hatte.

der zug hielt derweil an einem größeren bahnhof. interessiert beobachtete er, wie eine gruppe von angestellten einer fluglinie sich vor einer werbetafel versammelte und mit ihr zu verschmelzen schien.

reise-11.jpgein älterer herr stieg zu und nahm neben ihm platz. während er noch half das gepäck zu verstauen, setzte sich der zug wieder in bewegung.

er schob den gedanken an wilfried und die verpassten revolutionen bei seite und grub weiter in seinem gedächtnis.

an den namen des erdkundelehrers konnte er sich nicht mal mehr erinnern, jedoch an dessen willkommensspruch „gott zum gruße … und ‚guten tag!‘ für die andersgläubigen!!“. die doppelstunde lag stets am samstagmorgen, und wenn man den herrn geschickt auf die themen „hausbau“ oder „schäferhund“ lenkte, war zumindest die erste stunde gegessen.

die französischlehrerin war eine hagere, groß gewachsene frau, die stets hoch geschlossene hemdblusenkleider trug. sie war unverheiratet, ein klassisches fräulein. ebenso klassisch also, ihr ein tampon in den kreidekasten zu legen, was die erwarteten hektischen flecken an ihrem hals hochsteigen ließ, als sie versuchte, mit der widerspenstigen kreide ausführungen zu „lettres de mon moulin“ an die tafel zu schreiben. zu beginn der stunde pflegte sie stets drei hausaufgaben einzusammeln, was für den kurs ein quell schierer heiterkeit war, denn madame teilte mit den mädchen eine besondere vorliebe für jürgen, dessen heft sie meist ihre auswahl abschließend einforderte.

gern erinnerte er sich an seinen klassenlehrer, der englisch unterrichtete und nur anthrazitfarbene anzüge zu weißen hemden trug. als er an bord des schiffes meinte, jetzt wolle er sich aber mal klassenfahrtsmäßig gewanden, horchte alles auf. was sollte das geben? aber herr krull legte lediglich das jackett ab, krempelte die weißen ärmel hoch und steckte sich eine pfeife ins gesicht.

… fortsetzung folgt …

wenn einer eine reise tut … # 5

er studierte die reisenden im abteil und malte sich aus, wo sie wohl hinführen.
ein paar halbwüchsige waren offenbar von ihrem internat kommend auf der heimfahrt. sie überboten sich in protzigen geschichten und lachten ungewöhnlich künstlich. ein kräftig gebauter typ mit überweiter hose und grellfarbenem t-shirt mit schwarzem schriftzug verkam zur karikatur, als er laut grölend eine blondine ansprach, die lesend am fenster saß. zwei junge burschen in uniform, wohl auf der reise von ihrer einheit, geboten dem übermütigen aber rasch einhalt.

reise-9.jpgein älteres ehepaar befand sich anscheinend auf der fahrt in den urlaub. mit argusaugen bewachte die frau die zahlreichen gepäckstücke, die nicht alle auf der ablage platz gefunden hatten. aus einer korbtasche förderte sie ständig neue vorräte zu tage, die sie ihrem begleiter aufdrängte, nicht ohne ihm zuvor ein handtuch über den schoß gelegt zu haben. der mann wehrte sich nicht, und stopfte klaglos alles in sich hinein, was er vorgesetzt bekam.

er hatte schon immer gerne leute beobachtet. vielleicht saß er deshalb bevorzugt in straßencafès oder flughafenbars, und vielleicht hatte er sich auch aus diesem grund dazu entschlossen journalist zu werden. dass sich sein leben so ganz anders entwickeln würde, als es seine ursprüngliche planung vorgesehen hatte, gehörte wohl zu den unergründlichen gesetzmäßigkeiten des lebens.

bevor er noch in trübsal wegen der vertanen chancen in seinem leben verfallen konnte, entstand im abteil ein mittelprächtiger tumult. eine junge frau mit einem weinenden kind hatte schwierigkeiten, mit ihrem buggy das gepäck des älteren ehepaares zu umkurven. der herbei geeilte bahnbeamte entwirrte das chaos, das aus der lamentierenden älteren frau, der entnervten mutter, dem nun lauter plärrenden baby und einem geschäftsmann, der sich in der lektüre seiner aktienkurse gestört fühlte, entstand.

die szene wäre reif für eine dieser live-comedy-sendungen gewesen, die seine lebensgefährtin neuerdings so gerne schaute.

reise-10.jpggegenüber saß eine frau mit einem roten pullover, der sich in der scheibe mit dem grün der bäume mischte wie dereinst die farben im karo des schottenrocks. dieses kleidungsstück muss das lieblingsteil der geschichtslehrerin gewesen sein, denn sie trug den rock ständig … sehr zur erbauung der kompletten obersekunda. an der einen seite war er zusammengerafft mit einer großen, goldfarbenen sicherheitsnadel, und wenn frau dr. berner hinter ihrem pult saß, breitete sie ihre beine stets so weit aus, dass die falten aufsprangen und man ihre weißen, prallen schenkel aus den schwarzen strümpfen quellen sehen konnte. gut, man musste sich dazu ein wenig in den stuhl flegeln, aber das war es schon wert.

die dame muss damals in den vierzigern gewesen sein und war eine sehr auffällige person. dennoch war ihr geschichtsunterricht eher gemäßigt gewesen, zumindest nicht revolutionär. für gelegentliche stimmung während der stunde sorgte eher ein mitschüler namens wilfried, der sich zu gerne in grundsatzdiskussionen mit der doktorin verstrickte, marx und engels zitierte, auch flammende parolen in die klasse warf, bis die gegenspielerin eines tages milde lächelnd meinte: „wilfried, in ihrem kopf befindet sich ein großer, angerührter russischer salat!!“

wenn er rückblickend darüber nachdachte, so gab es in der klasse eigentlich keine arbeiterkinder. unternehmer, geschäftsleute, leitende angestellte, bundeswehroffiziere, aber keine arbeiter … nur wilfrieds vater wahrscheinlich. so genau hatte das niemand gewusst. irgendwann verließ wilfried die schule, und man sah nie wieder etwas von ihm.

… und vor der nächsten fête hörten sie bei kerstins eltern im wohnzimmer wieder
„spiel nicht mit den schmuddelkindern, sing nicht ihre lieder“.

… fortsetzung folgt …

wenn einer eine reise tut … # 4

der schaffner riss ihn aus seinen erinnerungen und verlangte die fahrkarten. danach versank das abteil wieder in seinen dornröschenschlaf. inzwischen hatte er sich an das monotone geräusch und das leise vibrieren gewöhnt, fand allmählich sogar gefallen an dieser form des reisens.

reise,-fenster,-kind.jpgauf der anderen seite des ganges saß ein junges mädchen. er selbst hatte keine kinder, aber die tochter seines bruders war etwa im gleichen alter, und er war ein aufmerksamer patenonkel. früher zumindest, denn in den letzten jahren war der kontakt nicht mehr so intensiv. er schob es auf beiderseitigen zeitmangel, aber der wirkliche grund war wohl, dass sie ihm fremd geworden war. in seinem herzen war er immer noch ein großes kind, das zwar freude an spiel und schabernack hatte, jedoch fehlte ihm der sinn für pubertäre probleme, und für mode und kosmetik interessierte er sich eher weniger. er konnte sich auch gar nicht erinnern, dass die mädels zu seiner jugendzeit sich mit dergleichen beschäftigt hatten. mitgekriegt hatte er es zumindest nicht. gut, auch sie hatten mit ihren besten freundinnen offenbar unendlich wichtige dinge besprochen, aber ansonsten waren sie rückblickend betrachtet doch herrlich unkompliziert im umgang gewesen. nicht, dass man pferde gestohlen hätte, aber man hätte es mit ihnen tun können. so wie damals, als vor den toren der stadt der erste „plaza“-markt eröffnete. das bier kostete einen groschen, und die fahrt dorthin war eine der erlebnisreichsten radtouren überhaupt gewesen.

er konnte sich sein patenkind einfach nicht auf dem lenker eines fahrrads vorstellen.

reise-8.jpgder zug durchfuhr einen ihm unbekannten vorstadtbahnhof. irgendwie waren diese vororte alle gleich, fand er. auch er war schließlich am rande einer großstadt aufgewachsen, in einem dieser vororte eben. das hatte in seinen augen eine menge vorteile. man konnte die nähe der großstadt nutzen, verspürte andererseits aber auch den hauch des landlebens.

in der innenstadt wurde damals noch überwiegend getrennt nach jungen und mädchen unterrichtet. das hätte ihm gerade noch gefehlt. mit grausen dachte er an die tanzschule zurück. sie hatten sich natürlich mit der halben clique angemeldet und fuhren jeden dienstag gemeinsam mit der straßenbahn ins zentrum. außer dem erlernen der tanzschritte gab es auch noch unterweisungen in gutem benehmen. das tanzlehrerehepaar war ziemlich affektiert, und dieses beim partnerwechsel betont lustig in die runde geworfene „gleiche dame, nächster herr!“ ging ihm ziemlich auf die nerven. in den pausen traf man mit den wohlerzogenen damen aus den mädchenschulen zusammen, mit denen man kaum andere themen fand als die lateinnote oder den inhalt der letzen mathearbeit. in seiner erinnerung waren diese mädchen alle schrecklich lang und dünn und fahlblond. seine mutter hätte es „straßenköterblond“ genannt. gut jedenfalls, wenn man zufällig eine der eigenen klassenkameradinnen als pausenpartnerin erwischte. das war wenigstens noch das pralle leben gewesen, und man hatte was zu lachen.

nach der tanzstunde pflegte die clique in ein eiscafé in der nähe der straßenbahnhaltestelle zu gehen. die musik-box war dort gut bestückt, für eine mark konnte man zehn lieder auswählen. das waren noch zeiten! … richtig peinlich wurde diese tanzschul-geschichte allerdings beim mittelball, als er im ungewohnten anzug die vorgeschriebenen nelken überreichen musste. zum abschlussball ging er erst gar nicht.

er schüttelte unwillkürlich den kopf, und die ihm gegenüber sitzende dame schaute ihn verwundert an.

… fortsetzung folgt …