Tagesarchiv: 13. Mai 2006

wenn einer eine reise tut … # 1

eine sentimentale geschichte … eine geschichte mit vielen wahren kernen, aber dennoch hat sie nicht der reisende erlebt, der sie gleich antreten wird.
doch könnte sie hier und heute und so oder ähnlich geschehen.

reise-1,-400.jpgwas zum teufel tat er eigentlich in diesem zug? er benutzte nie züge. es war ihm viel zu umständlich, und unbequem fand er es auch. nun, mit der zeit gewöhnte man sich vielleicht an das rattern des waggons, an das geschnatter der jungen mädchen, die in der bankreihe schräg vor ihm saßen, und vielleicht sogar an die dumpfen bässe, die das einzige waren, das er von der musik mitkriegte, die der ihm gegenüber sitzende bursche hörte. das wippen der füße hätte sicher nicht gestört, aber der kerl schlug ständig gegen die bankstreben, was ausgesprochen nervig war. wenn man etwas angeschlagen ist, dann stört einen die fliege an der wand. und er war angeschlagen. aber er wollte nicht weiter über den unerfreulichen auftritt vom vorabend nachdenken, sondern griff nach der zeitschrift, die er sich am bahnhofskiosk gekauft hatte.

„fahr mit dem zug, das entspannt und zeitlich gewinnst du nichts, wenn du mit dem wagen fährst“, hatte carsten gemeint. der freund hatte ihm auch zugeredet, der einladung zu diesem klassentreffen zu folgen. in all den jahren hatte er sich nie bei solchen veranstaltungen blicken lassen. wozu auch? in der stadt, in der er zu schulzeiten gelebt hatte, wohnte niemand mehr, zu dem er eine engere beziehung pflegte. die klassenkameraden von einst waren in alle winde zerstreut. man hatte sich aus den augen verloren, und was brachte es, die alten bindungen wieder aufzunehmen? er wollte das gar nicht. aber carsten hatte keine ruhe gegeben und ihn sogar zum bahnhof gebracht.

nun saß er also im schnellzug und war sich nicht darüber im klaren, ob er sich wegen seiner nachgiebigkeit verachten oder seinem freund sogar dankbar sein sollte. er vertiefte sich daher zunächst einmal in die zeitschrift und schlief nach einer weile ein.

reise-2,-neu.jpgals er erwachte, war die nervensäge mit den kopfhörern verschwunden. er blickte hinaus, aber das half ihm auch nicht bei der orientierung. wiesen und kleine wälder zogen gleichförmig vorbei. wann hatte er eigentlich zuletzt notiz von irgendwelcher landschaft genommen? wenn er selbst fuhr, musste er sich auf die straße konzentrieren. er fuhr eigentlich immer selbst, er mochte sein auto.

ein blick auf die uhr sagte ihm, dass er kaum eine halbe stunde geschlafen hatte. bis zum umsteigen waren es demnach noch mehr als zwei stunden. die zeitschrift lag noch aufgeschlagen auf seinem schoß, aber er blätterte nur lustlos darin herum und legte sie schließlich auf den klapptisch. als der servicewagen kam, bestellte er sich einen kaffee. dieser schmeckte abscheulich, wäre aber wohl aus einer tasse auch nicht geschmackvoller gewesen. er grinste leicht, denn ihm fiel sein verstorbener vater ein, der in solchen fällen immer zu sagen pflegte: „das schmeckt nach schiffsrumpf und kartonage!!“

bei der suche nach seinen zigaretten fiel ihm die liste in die hand. er hatte sie griffbereit in die tasche gesteckt, denn er wollte sich die namen ansehen. namen, die er erst wieder mit gesichtern in verbindung bringen musste … und mit den geschichten, die dazu gehörten. es war alles schon so lange her. seine augen wanderten über die zeilen und blieben bei einem namen hängen … walter.

wer in aller welt war walter? …

… fortsetzung folgt …

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