Tagesarchiv: 14. Mai 2006

wenn einer eine reise tut … # 2

reise-3.jpgsein blick glitt über die wiesen. wie grün es um diese jahreszeit schon war! irgendwie fühlte er den winter noch in den knochen, den langen, anstrengenden winter mit all den zermürbenden gesprächen um die immer gleichen themen. wie man es auch drehte und wendete, es bewegte sich doch nur alles im kreis, brachte nichts neues, veränderte sich nicht. aber daran wollte er jetzt nicht denken. er war auf dem weg zu diesem klassentreffen und allmählich beschlich ihn ein leises gefühl der vorfreude.

wenn er so darüber nachdachte, war die schulzeit die unbeschwerteste zeit seines lebens gewesen. er hatte ein „neusprachliches gymnasium für jungen und mädchen mit mathematisch-naturwissenschaftlichem zweig“ besucht. die bezeichnung hörte sich für ihn bedeutungsvoller an, als ihm sein leben damals erschienen war, denn unter tändeln und scherzen waren die jahre verflogen und irgendwann war er fort gegangen, ins ausland erst und später zum studium in eine fremde stadt.

jetzt fiel ihm auch sein mitschüler walter wieder ein. irgendwann hatte er ihn mal auf einem flughafen getroffen, als er auf dem weg zu einem geschäftstermin war. sie hatten nicht viel miteinander anzufangen gewusst, hatten es im grunde schon zu schulzeiten nicht gewusst. walter hatte nicht zur clique gehört, sondern war ein eigenbrötler, der seltsamen hobbys nachging, die niemand mit ihm teilen mochte. die anderen hatten eigentlich immer alles gemeinsam unternommen, waren zusammen ins jugendheim gegangen, auf den sportplatz, ins freibad, zur tanzschule und eben auf fêten.

die erinnerung an die feten ließ ihn schmunzeln.

reise-4,-neu.jpgein gegenzug rauschte vorbei. nur schemenhaft nahm er eine muntere gesellschaft wahr. ob sie wohl einen dieser betriebsausflüge machten? oder gar eine kegeltour? obwohl er ein geselliger mensch war, hielt er sich von derlei vergnügungen fern. mit seiner doppelkopf-runde unternahm er natürlich auch fahrten, aber dann doch eher eine bootstour oder mal eine städtereise. feuchtfröhlich endete das allerdings zuweilen auch.

er vertiefte den gedanken an die fêten von früher. meistens hatte vorher ein fußballspiel gegen irgendeine parallelklasse stattgefunden. schon das war gemeinschaftlich auf dem sportplatz der schule zelebriert worden, und die verliererklasse musste die zehn mark miete für den partyraum im jugendheim zahlen. das war der beliebteste fêtenkeller des vororts, denn dort gab es wenigstens keine eltern oder andere störfaktoren. an die sozialarbeiter konnte er sich gar nicht mehr erinnern, an die partys im keller schon. die jungen tranken bier, die mädchen martini und man hörte musik von den stones. manche mochten auch die beatles oder die bee gees, aber eher heimlich. wenn der abend fortgeschritten war, legte jedoch immer irgendwer „hey jude“ auf. wahrscheinlich, weil man dann gut sieben minuten zeit hatte. wer bis dahin nicht die sache ins rollen gebracht hatte, musste ungeküsst nach hause gehen.
er konnte sich nicht beklagen, rückblickend betrachtet.

gelegentlich hatten die treffen auch irgendwo zu hause stattgefunden, wie etwa die fête nach dem latinum. die nahm allerdings ein übles ende, als jörg, zwar des fahrens mächtig, aber mit seinen 17 jahren nicht im besitz eines führerscheins, den vw-käfer seines älteren bruders in einer lang gezogenen kurve aufs dach warf … zwei tage vor der klassenfahrt …

… fortsetzung folgt …

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