wenn einer eine reise tut … # 4

der schaffner riss ihn aus seinen erinnerungen und verlangte die fahrkarten. danach versank das abteil wieder in seinen dornröschenschlaf. inzwischen hatte er sich an das monotone geräusch und das leise vibrieren gewöhnt, fand allmählich sogar gefallen an dieser form des reisens.

reise,-fenster,-kind.jpgauf der anderen seite des ganges saß ein junges mädchen. er selbst hatte keine kinder, aber die tochter seines bruders war etwa im gleichen alter, und er war ein aufmerksamer patenonkel. früher zumindest, denn in den letzten jahren war der kontakt nicht mehr so intensiv. er schob es auf beiderseitigen zeitmangel, aber der wirkliche grund war wohl, dass sie ihm fremd geworden war. in seinem herzen war er immer noch ein großes kind, das zwar freude an spiel und schabernack hatte, jedoch fehlte ihm der sinn für pubertäre probleme, und für mode und kosmetik interessierte er sich eher weniger. er konnte sich auch gar nicht erinnern, dass die mädels zu seiner jugendzeit sich mit dergleichen beschäftigt hatten. mitgekriegt hatte er es zumindest nicht. gut, auch sie hatten mit ihren besten freundinnen offenbar unendlich wichtige dinge besprochen, aber ansonsten waren sie rückblickend betrachtet doch herrlich unkompliziert im umgang gewesen. nicht, dass man pferde gestohlen hätte, aber man hätte es mit ihnen tun können. so wie damals, als vor den toren der stadt der erste „plaza“-markt eröffnete. das bier kostete einen groschen, und die fahrt dorthin war eine der erlebnisreichsten radtouren überhaupt gewesen.

er konnte sich sein patenkind einfach nicht auf dem lenker eines fahrrads vorstellen.

reise-8.jpgder zug durchfuhr einen ihm unbekannten vorstadtbahnhof. irgendwie waren diese vororte alle gleich, fand er. auch er war schließlich am rande einer großstadt aufgewachsen, in einem dieser vororte eben. das hatte in seinen augen eine menge vorteile. man konnte die nähe der großstadt nutzen, verspürte andererseits aber auch den hauch des landlebens.

in der innenstadt wurde damals noch überwiegend getrennt nach jungen und mädchen unterrichtet. das hätte ihm gerade noch gefehlt. mit grausen dachte er an die tanzschule zurück. sie hatten sich natürlich mit der halben clique angemeldet und fuhren jeden dienstag gemeinsam mit der straßenbahn ins zentrum. außer dem erlernen der tanzschritte gab es auch noch unterweisungen in gutem benehmen. das tanzlehrerehepaar war ziemlich affektiert, und dieses beim partnerwechsel betont lustig in die runde geworfene „gleiche dame, nächster herr!“ ging ihm ziemlich auf die nerven. in den pausen traf man mit den wohlerzogenen damen aus den mädchenschulen zusammen, mit denen man kaum andere themen fand als die lateinnote oder den inhalt der letzen mathearbeit. in seiner erinnerung waren diese mädchen alle schrecklich lang und dünn und fahlblond. seine mutter hätte es „straßenköterblond“ genannt. gut jedenfalls, wenn man zufällig eine der eigenen klassenkameradinnen als pausenpartnerin erwischte. das war wenigstens noch das pralle leben gewesen, und man hatte was zu lachen.

nach der tanzstunde pflegte die clique in ein eiscafé in der nähe der straßenbahnhaltestelle zu gehen. die musik-box war dort gut bestückt, für eine mark konnte man zehn lieder auswählen. das waren noch zeiten! … richtig peinlich wurde diese tanzschul-geschichte allerdings beim mittelball, als er im ungewohnten anzug die vorgeschriebenen nelken überreichen musste. zum abschlussball ging er erst gar nicht.

er schüttelte unwillkürlich den kopf, und die ihm gegenüber sitzende dame schaute ihn verwundert an.

… fortsetzung folgt …

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s