Tagesarchiv: 17. Mai 2006

wenn einer eine reise tut … # 5

er studierte die reisenden im abteil und malte sich aus, wo sie wohl hinführen.
ein paar halbwüchsige waren offenbar von ihrem internat kommend auf der heimfahrt. sie überboten sich in protzigen geschichten und lachten ungewöhnlich künstlich. ein kräftig gebauter typ mit überweiter hose und grellfarbenem t-shirt mit schwarzem schriftzug verkam zur karikatur, als er laut grölend eine blondine ansprach, die lesend am fenster saß. zwei junge burschen in uniform, wohl auf der reise von ihrer einheit, geboten dem übermütigen aber rasch einhalt.

reise-9.jpgein älteres ehepaar befand sich anscheinend auf der fahrt in den urlaub. mit argusaugen bewachte die frau die zahlreichen gepäckstücke, die nicht alle auf der ablage platz gefunden hatten. aus einer korbtasche förderte sie ständig neue vorräte zu tage, die sie ihrem begleiter aufdrängte, nicht ohne ihm zuvor ein handtuch über den schoß gelegt zu haben. der mann wehrte sich nicht, und stopfte klaglos alles in sich hinein, was er vorgesetzt bekam.

er hatte schon immer gerne leute beobachtet. vielleicht saß er deshalb bevorzugt in straßencafès oder flughafenbars, und vielleicht hatte er sich auch aus diesem grund dazu entschlossen journalist zu werden. dass sich sein leben so ganz anders entwickeln würde, als es seine ursprüngliche planung vorgesehen hatte, gehörte wohl zu den unergründlichen gesetzmäßigkeiten des lebens.

bevor er noch in trübsal wegen der vertanen chancen in seinem leben verfallen konnte, entstand im abteil ein mittelprächtiger tumult. eine junge frau mit einem weinenden kind hatte schwierigkeiten, mit ihrem buggy das gepäck des älteren ehepaares zu umkurven. der herbei geeilte bahnbeamte entwirrte das chaos, das aus der lamentierenden älteren frau, der entnervten mutter, dem nun lauter plärrenden baby und einem geschäftsmann, der sich in der lektüre seiner aktienkurse gestört fühlte, entstand.

die szene wäre reif für eine dieser live-comedy-sendungen gewesen, die seine lebensgefährtin neuerdings so gerne schaute.

reise-10.jpggegenüber saß eine frau mit einem roten pullover, der sich in der scheibe mit dem grün der bäume mischte wie dereinst die farben im karo des schottenrocks. dieses kleidungsstück muss das lieblingsteil der geschichtslehrerin gewesen sein, denn sie trug den rock ständig … sehr zur erbauung der kompletten obersekunda. an der einen seite war er zusammengerafft mit einer großen, goldfarbenen sicherheitsnadel, und wenn frau dr. berner hinter ihrem pult saß, breitete sie ihre beine stets so weit aus, dass die falten aufsprangen und man ihre weißen, prallen schenkel aus den schwarzen strümpfen quellen sehen konnte. gut, man musste sich dazu ein wenig in den stuhl flegeln, aber das war es schon wert.

die dame muss damals in den vierzigern gewesen sein und war eine sehr auffällige person. dennoch war ihr geschichtsunterricht eher gemäßigt gewesen, zumindest nicht revolutionär. für gelegentliche stimmung während der stunde sorgte eher ein mitschüler namens wilfried, der sich zu gerne in grundsatzdiskussionen mit der doktorin verstrickte, marx und engels zitierte, auch flammende parolen in die klasse warf, bis die gegenspielerin eines tages milde lächelnd meinte: „wilfried, in ihrem kopf befindet sich ein großer, angerührter russischer salat!!“

wenn er rückblickend darüber nachdachte, so gab es in der klasse eigentlich keine arbeiterkinder. unternehmer, geschäftsleute, leitende angestellte, bundeswehroffiziere, aber keine arbeiter … nur wilfrieds vater wahrscheinlich. so genau hatte das niemand gewusst. irgendwann verließ wilfried die schule, und man sah nie wieder etwas von ihm.

… und vor der nächsten fête hörten sie bei kerstins eltern im wohnzimmer wieder
„spiel nicht mit den schmuddelkindern, sing nicht ihre lieder“.

… fortsetzung folgt …

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