Tagesarchiv: 18. Mai 2006

wenn einer eine reise tut … # 6

reise,-strommast.jpgdegenhardt ging ihm nicht aus dem kopf. in dem lied kam dann die stelle, wo es hieß: „ ‚lieber rudi dutschke’, würde vati sagen …“ sicher, man wusste, wer rudi dutschke war, aber die wirklichen revolutionen fanden woanders statt. die einzige „revolutionäre“ tat seiner jahrgangsstufe war die verweigerung einer offiziellen abiturfeier gewesen. das hatte es an der schule nicht mal 1968 gegeben, so weit er das wusste, eigentlich nur in seinem abitur-jahrgang. den grund dafür hatte er auch längst vergessen.

sein freund carsten, der auf dem land aufgewachsen war, erzählte ganz andere geschichten aus seiner schulzeit. dort ging es rau und nicht immer herzlich zu. die evangelischen wurden verprügelt, nur weil sie evangelisch waren. arbeiterkinder bekamen bei gleicher leistung schlechtere noten, nur weil der vater sich keine gelegentlichen stiftungen leisten konnte.

ihm fiel sein mathelehrer ein, der nicht müde geworden war, rechnungen aufzustellen, die beweisen sollten, dass es nichts sinnvolleres gäbe, als sofort das gymnasium zu verlassen, eine ausbildung zu machen und eine uneinholbare menge geld zu verdienen, bis die elite schule und studium abgeschlossen hätte. außerdem herrschte bei vielen noch die ansicht vor, dass sich eine langjährige schul- und studienzeit für ein mädchen nicht lohne, der realschulabschluss also völlig ausreichend sei. er fand das damals schon sehr merkwürdig und war froh, in einem fortschrittlicheren haus aufgewachsen zu sein. seine schwester erschien ihm ohnehin immer viel begabter zu sein als er selbst. vielleicht war sie auch nur fleißiger gewesen. jedenfalls machte sie später die karriere, die sein vater sich für ihn erträumt hatte.

der zug hielt derweil an einem größeren bahnhof. interessiert beobachtete er, wie eine gruppe von angestellten einer fluglinie sich vor einer werbetafel versammelte und mit ihr zu verschmelzen schien.

reise-11.jpgein älterer herr stieg zu und nahm neben ihm platz. während er noch half das gepäck zu verstauen, setzte sich der zug wieder in bewegung.

er schob den gedanken an wilfried und die verpassten revolutionen bei seite und grub weiter in seinem gedächtnis.

an den namen des erdkundelehrers konnte er sich nicht mal mehr erinnern, jedoch an dessen willkommensspruch „gott zum gruße … und ‚guten tag!‘ für die andersgläubigen!!“. die doppelstunde lag stets am samstagmorgen, und wenn man den herrn geschickt auf die themen „hausbau“ oder „schäferhund“ lenkte, war zumindest die erste stunde gegessen.

die französischlehrerin war eine hagere, groß gewachsene frau, die stets hoch geschlossene hemdblusenkleider trug. sie war unverheiratet, ein klassisches fräulein. ebenso klassisch also, ihr ein tampon in den kreidekasten zu legen, was die erwarteten hektischen flecken an ihrem hals hochsteigen ließ, als sie versuchte, mit der widerspenstigen kreide ausführungen zu „lettres de mon moulin“ an die tafel zu schreiben. zu beginn der stunde pflegte sie stets drei hausaufgaben einzusammeln, was für den kurs ein quell schierer heiterkeit war, denn madame teilte mit den mädchen eine besondere vorliebe für jürgen, dessen heft sie meist ihre auswahl abschließend einforderte.

gern erinnerte er sich an seinen klassenlehrer, der englisch unterrichtete und nur anthrazitfarbene anzüge zu weißen hemden trug. als er an bord des schiffes meinte, jetzt wolle er sich aber mal klassenfahrtsmäßig gewanden, horchte alles auf. was sollte das geben? aber herr krull legte lediglich das jackett ab, krempelte die weißen ärmel hoch und steckte sich eine pfeife ins gesicht.

… fortsetzung folgt …

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