wenn einer eine reise tut … # 7

reise,-reihenhäuser.jpgdamals müsste sein klassenlehrer etwa im gleichen alter gewesen sein wie er jetzt. merkwürdige vorstellung! wie hatte er wohl gelebt? etwa in einer reihenhaussiedlung?

weder er noch die anderen hatten sich zu schulzeiten tiefere gedanken um das privatleben der lehrer gemacht, aber viele seiner klassenkameraden strebten genau diesen lehrberuf an, sobald sie die schule verlassen hatten. er selbst wäre nie auf einen solchen gedanken gekommen. sport hätte ihn interessiert. er war von anfang an im schuleigenen sportverein, hielt lange jahre die bestmarke seines jahrgangs im weitsprung. aber der schuldienst wäre nichts für ihn gewesen, und so studierte er journalistik und romanistik, hatte danach das glück bei einem fernsehsender einsteigen zu können und fühlte sich rundum zufrieden und ausgefüllt. insgeheim war er sogar ein bisschen stolz auf sich, denn so wirklich hätte ihm wohl keiner seiner schulfreunde diesen werdegang zugetraut.

es waren gute jahre bei diesem fernsehsender, und wer weiß, was noch aus ihm geworden wäre, wenn er nicht die frau seines lebens getroffen hätte. jedenfalls glaubte er damals, dass sie es sei. inzwischen hegte er daran jedoch einige zweifel. aber er hatte sich vorgenommen, an diesem wochenende nicht weiter darüber nachzudenken.

er rauchte eine zigarette und blätterte halbherzig in der zeitschrift, die er wieder zur hand genommen hatte. doch die vergangenheit ließ ihn nicht los und er versuchte, sich an die anderen lehrer zu erinnern.

bei allen beliebt war der deutschlehrer, was auch auf dessen großzügigkeit zurückzuführen war, hauptsächlich jedoch auf seinen humor. er liebte schnelle zusammenfassungen, damit zeit für die wirklich wichtigen themen blieb. so meinte er beispielsweise: „ach, das mit den sagen müsst ihr alles nicht so genau wissen. ich erzähl euch das mal schnell! also: krimhild, brunhild und die anderen strategisch wichtigen jungfrauen dieses zeitalters …“

allerdings bestand er auf pünktlichkeit, was leider nicht so recht mit rudis auffassung von der morgendlichen zeiteinteilung übereinkam. zugegeben, die ausreden waren oft recht abenteuerlich, was dann auch den deutschlehrer zu den worten veranlasste: „dann sag doch gleich: ‚unser gaskocher ist explodiert!!’“ es kam, wie es kommen musste. am nächsten morgen hatte rudi mal wieder ein mangelhaftes timing, steckte den kopf zur unzeit zur tür herein und antwortete auf den fragenden blick des herrn doktors: „unser gaskocher ist explodiert!“ damit war die stunde dann auch gelaufen gewesen.

reise,-weiße-linie.jpgwährend er noch wegen dieser geschichte in sich hinein grinste, kam bewegung in die reihen der fahrgäste. koffer wurden aus den ablagefächern gehoben, jacken von den haken genommen. ein blick auf die uhr zeigte ihm, dass er sich auf das umsteigen vorbereiten musste.

… fortsetzung folgt …

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