wenn einer eine reise tut … # 8

reise-15.jpgauf dem bahnsteig herrschte geschäftiges treiben. er griff nach seiner tasche und wartete, bis die übrigen reisenden ausgestiegen waren. der anschlusszug kam erst in einer halben stunde, daher hatte er keine eile.

in der bahnhofshalle versuchte er seine sekretärin anzurufen, aber offenbar nutzte sie das vorgezogene wochenende, um ihre grippe auszukurieren. die gute machte stets großes aufhebens davon, wenn sie krank war. aber ihre angst vor bazillen war kein vergleich zu dem aufstand, den die mutter seiner klassenkameradin sieglinde damals gemacht hatte, was ihm soeben wieder einfiel.

jede gemeinschaft muss wohl den ein oder anderen sonderfall verkraften. in schulklassen ist das, einem seltsamen gesetz folgend, oft der klassenprimus. die männliche ausgabe dieser spezies war zu seiner schulzeit ein durchaus brauchbarer typ namens karl-heinz gewesen, die weibliche variante jedoch eine klassische sieglinde. sie machte stets einen verhuschten eindruck, was wohl auch auf die glasbausteinartigen brillengläser, die kränkliche, gelbliche gesichtsfarbe und die ungelenken bewegungen zurückzuführen war. eigentlich war sie ein hilfsbereites ding, das ohne widerworte seine hefte zum abschreiben der hausaufgaben herausrückte. sie hätte andere auch gerne bei der vorbereitung auf klassenarbeiten unterstützt, aber sie traute sich nicht, weil ihre eltern ihr eingeschärft hatten, dass ihre eigenen zukunftsaussichten dadurch geschmälert würden.

trotz der guten noten hätte wohl niemand mit sieglinde tauschen mögen, schon gar nicht, wenn die ärmste krank war und für tage auf ihrem zimmer darben musste. die mutter war nämlich, was bazillen betraf, derart panisch, dass sie, um jeden kontakt mit der kranken zu vermeiden, das essen in einer plastiktüte von außen an die klinke hängte und das öffnen der zimmertür zum hereinholen desselben erst erlaubte, wenn alle flurtüren geschlossen waren.

im nachträglichen bedauern dieses schicksals befindlich begab er sich auf den bahnsteig und erwartete das einlaufen des ice.

reise,-Heimfahrt.jpger empfand es als angenehm, in den tiefen polstern zu versinken und die ruhe im fast leeren abteil zu genießen, auch wenn es nur eine kurze fahrt werden würde, denn er musste ein letztes mal umsteigen. ein einziger weiterer fahrgast hatte es sich am fenster gemütlich gemacht und ging seiner beschäftigung nach. das reisen mit der bahn hatte durchaus seine beschaulichen seiten, was seiner neigung zu allem schönen und genussvollen sehr entgegen kam.

sein leben hatte sich über die jahre leider weniger geruhsam entwickelt, als ihm das lieb war, denn im grunde war er kein karrieretyp, und es behagte ihm gar nicht, dass man versuchte ihn in diese rolle zu drängen. noch hatte er jedoch die fäden seines schicksals in der hand, im gegensatz zu dem bedauernswerten karl-georg, der vor noch nicht ganz zwei jahren schlagzeilen gemacht hatte, als er erstochen auf irgendeinem parkplatz aufgefunden worden war. er sah das bild an einem montagmorgen in der boulevard-zeitung, die aufgeschlagen auf dem schreibtisch seines kollegen lag, und hätte den ermordeten fast nicht erkannt. karl-georg hatte zu schulzeiten dem mathematisch-naturwissenschaftlichen zweig angehört, mit dem man nicht viel zu tun hatte. dennoch war es ein schock, dass sich dieser ehemals so unscheinbare bursche auf irgendwelche dubiosen geldgeschäfte eingelassen hatte, um seine marode firma zu retten.

er selbst hatte nie existenzängste kennen lernen müssen, denn er stammte aus einem recht wohlhabenden elternhaus, und auch sein beruflicher werdegang hatte immer unter einem günstigen stern gestanden.

… fortsetzung folgt …

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