Monatsarchiv: Mai 2006

wenn einer eine reise tut … # 3

nach und nach fielen ihm allerlei anekdoten aus früheren zeiten ein. was wohl aus der flotten kerstin geworden war? irgendwer hatte ihm mal erzählt, dass sie ihre apotheke aufgegeben hatte und jetzt eine tauchschule besaß. so vom sport besessen war die zu schulzeiten nie gewesen, eher das partygirl schlechthin. lange beine, blonde haare, schon ein hingucker. sie fuhr damals einen weißen vw-käfer, den sie aus unerfindlichen gründen ben nannte. als sie zum ersten mal alleine in urlaub fahren wollte, war der vater so nervös, dass er beim packen fragte: „kind, hast du denn hinten schon was drin?!“ … und sie antwortete nur ganz gelassen: „ja, papi, den motor!!“

reise-5.jpger musste über sich selbst lachen, als ihm beim anblick des leitungsmasts der eiffelturm einfiel. paris! wie war das damals noch?
es muss an einem samstag im abisommer gewesen sein oder im jahr danach. so genau erinnerte er sich nicht mehr. jedenfalls hatte man mit ein paar freunden im freibad gelegen. es war zwei uhr nachmittags, und es gab so recht keine pläne fürs wochenende.
in die gähnende langeweile hinein meinte jemand: „ in frankreich ist nationalfeiertag!“ … „gut, lass uns nach paris fahren!“ … „du spinnst doch!“ … langer rede, kurzer sinn: um 3 uhr war man auf der autobahn. kerstins käfer schaffte es in fünf stunden, und paris war rund um die uhr ein genuss. kalle kannte ein paar marokkaner in der stadt, bei denen man noch ein paar stunden schlafen konnte, zu viert im großen bett, die beiden mädels schön in der mitte, und der rest auf dem boden verteilt. am späten sonntagnachmittag war man auch schon wieder daheim gewesen.

wie unkompliziert damals doch alles war! wenn er zu hause mit solchen einfällen ankäme, würde es nur wieder endlose diskussionen geben. das leben war nicht einfacher geworden für ihn.

frankreich! es schien ihm weiter weg zu sein als der mond, dabei war er früher so oft dort gewesen. durch die partnerschaft des örtlichen jugendheims mit der ot in boulogne-sur-mer waren die ersten verbindungen entstanden. beim austausch zu ostern und pfingsten war man sich durchaus näher gekommen, pflegte auch die freundschaften über jahre. aber irgendwann waren die kontakte schließlich doch eingeschlafen. er hatte seit vielen jahren keinen der französischen freunde mehr gesehen, konnte sich kaum an die namen erinnern, wohl jedoch an die orte und das erlebte.

reise-6.jpgdie in seiner erinnerung spektakulärste aktion war die motorradtour, die schon anreisemäßig ein horror gewesen war. das große gepäck war mit dem auto unterwegs, vier motorräder folgten. nun hätte man ja denken können, dass die fahrt flott und unbeschwert hätte vorangehen können. aber weit gefehlt! schon die uneinigkeit, wann und wo man denn am besten tankt, kostete viel zeit. zu allem überfluss setzte regen ein, eine maschine bekam einen kolbenfresser … ein wunder, dass man den campingplatz überhaupt noch bis zum abend erreichte. fünf zelte waren dann doch schnell aufgebaut, und man konnte sich auf den weg in die stadt machen, wo man mit den franzosen ein rauschendes wiedersehensfest feierte.

ohne erneut einsetzenden sturm und regen hätte der ausklang des abends hoch auf den klippen wohl noch erquicklich werden können, aber als die ersten zelte flogen, andere bereits unter wasser standen und man sich ins trockene waschhaus rettete, gab es nur noch eine party auf dem gesamten platz. da saßen schätzungsweise acht unentwegte, teils mit regenschirmen bewaffnet, in einem 3-mann-zelt, sprachen lebhaft dem alkohol zu … und mittendrin sang gregor „siegreich werden wir frankreich schlagen …“

peinlich, aber die deutschkenntnisse der franzosen waren gott sei dank eher rudimentär gewesen.

… fortsetzung folgt …

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wenn einer eine reise tut … # 2

reise-3.jpgsein blick glitt über die wiesen. wie grün es um diese jahreszeit schon war! irgendwie fühlte er den winter noch in den knochen, den langen, anstrengenden winter mit all den zermürbenden gesprächen um die immer gleichen themen. wie man es auch drehte und wendete, es bewegte sich doch nur alles im kreis, brachte nichts neues, veränderte sich nicht. aber daran wollte er jetzt nicht denken. er war auf dem weg zu diesem klassentreffen und allmählich beschlich ihn ein leises gefühl der vorfreude.

wenn er so darüber nachdachte, war die schulzeit die unbeschwerteste zeit seines lebens gewesen. er hatte ein „neusprachliches gymnasium für jungen und mädchen mit mathematisch-naturwissenschaftlichem zweig“ besucht. die bezeichnung hörte sich für ihn bedeutungsvoller an, als ihm sein leben damals erschienen war, denn unter tändeln und scherzen waren die jahre verflogen und irgendwann war er fort gegangen, ins ausland erst und später zum studium in eine fremde stadt.

jetzt fiel ihm auch sein mitschüler walter wieder ein. irgendwann hatte er ihn mal auf einem flughafen getroffen, als er auf dem weg zu einem geschäftstermin war. sie hatten nicht viel miteinander anzufangen gewusst, hatten es im grunde schon zu schulzeiten nicht gewusst. walter hatte nicht zur clique gehört, sondern war ein eigenbrötler, der seltsamen hobbys nachging, die niemand mit ihm teilen mochte. die anderen hatten eigentlich immer alles gemeinsam unternommen, waren zusammen ins jugendheim gegangen, auf den sportplatz, ins freibad, zur tanzschule und eben auf fêten.

die erinnerung an die feten ließ ihn schmunzeln.

reise-4,-neu.jpgein gegenzug rauschte vorbei. nur schemenhaft nahm er eine muntere gesellschaft wahr. ob sie wohl einen dieser betriebsausflüge machten? oder gar eine kegeltour? obwohl er ein geselliger mensch war, hielt er sich von derlei vergnügungen fern. mit seiner doppelkopf-runde unternahm er natürlich auch fahrten, aber dann doch eher eine bootstour oder mal eine städtereise. feuchtfröhlich endete das allerdings zuweilen auch.

er vertiefte den gedanken an die fêten von früher. meistens hatte vorher ein fußballspiel gegen irgendeine parallelklasse stattgefunden. schon das war gemeinschaftlich auf dem sportplatz der schule zelebriert worden, und die verliererklasse musste die zehn mark miete für den partyraum im jugendheim zahlen. das war der beliebteste fêtenkeller des vororts, denn dort gab es wenigstens keine eltern oder andere störfaktoren. an die sozialarbeiter konnte er sich gar nicht mehr erinnern, an die partys im keller schon. die jungen tranken bier, die mädchen martini und man hörte musik von den stones. manche mochten auch die beatles oder die bee gees, aber eher heimlich. wenn der abend fortgeschritten war, legte jedoch immer irgendwer „hey jude“ auf. wahrscheinlich, weil man dann gut sieben minuten zeit hatte. wer bis dahin nicht die sache ins rollen gebracht hatte, musste ungeküsst nach hause gehen.
er konnte sich nicht beklagen, rückblickend betrachtet.

gelegentlich hatten die treffen auch irgendwo zu hause stattgefunden, wie etwa die fête nach dem latinum. die nahm allerdings ein übles ende, als jörg, zwar des fahrens mächtig, aber mit seinen 17 jahren nicht im besitz eines führerscheins, den vw-käfer seines älteren bruders in einer lang gezogenen kurve aufs dach warf … zwei tage vor der klassenfahrt …

… fortsetzung folgt …

wenn einer eine reise tut … # 1

eine sentimentale geschichte … eine geschichte mit vielen wahren kernen, aber dennoch hat sie nicht der reisende erlebt, der sie gleich antreten wird.
doch könnte sie hier und heute und so oder ähnlich geschehen.

reise-1,-400.jpgwas zum teufel tat er eigentlich in diesem zug? er benutzte nie züge. es war ihm viel zu umständlich, und unbequem fand er es auch. nun, mit der zeit gewöhnte man sich vielleicht an das rattern des waggons, an das geschnatter der jungen mädchen, die in der bankreihe schräg vor ihm saßen, und vielleicht sogar an die dumpfen bässe, die das einzige waren, das er von der musik mitkriegte, die der ihm gegenüber sitzende bursche hörte. das wippen der füße hätte sicher nicht gestört, aber der kerl schlug ständig gegen die bankstreben, was ausgesprochen nervig war. wenn man etwas angeschlagen ist, dann stört einen die fliege an der wand. und er war angeschlagen. aber er wollte nicht weiter über den unerfreulichen auftritt vom vorabend nachdenken, sondern griff nach der zeitschrift, die er sich am bahnhofskiosk gekauft hatte.

„fahr mit dem zug, das entspannt und zeitlich gewinnst du nichts, wenn du mit dem wagen fährst“, hatte carsten gemeint. der freund hatte ihm auch zugeredet, der einladung zu diesem klassentreffen zu folgen. in all den jahren hatte er sich nie bei solchen veranstaltungen blicken lassen. wozu auch? in der stadt, in der er zu schulzeiten gelebt hatte, wohnte niemand mehr, zu dem er eine engere beziehung pflegte. die klassenkameraden von einst waren in alle winde zerstreut. man hatte sich aus den augen verloren, und was brachte es, die alten bindungen wieder aufzunehmen? er wollte das gar nicht. aber carsten hatte keine ruhe gegeben und ihn sogar zum bahnhof gebracht.

nun saß er also im schnellzug und war sich nicht darüber im klaren, ob er sich wegen seiner nachgiebigkeit verachten oder seinem freund sogar dankbar sein sollte. er vertiefte sich daher zunächst einmal in die zeitschrift und schlief nach einer weile ein.

reise-2,-neu.jpgals er erwachte, war die nervensäge mit den kopfhörern verschwunden. er blickte hinaus, aber das half ihm auch nicht bei der orientierung. wiesen und kleine wälder zogen gleichförmig vorbei. wann hatte er eigentlich zuletzt notiz von irgendwelcher landschaft genommen? wenn er selbst fuhr, musste er sich auf die straße konzentrieren. er fuhr eigentlich immer selbst, er mochte sein auto.

ein blick auf die uhr sagte ihm, dass er kaum eine halbe stunde geschlafen hatte. bis zum umsteigen waren es demnach noch mehr als zwei stunden. die zeitschrift lag noch aufgeschlagen auf seinem schoß, aber er blätterte nur lustlos darin herum und legte sie schließlich auf den klapptisch. als der servicewagen kam, bestellte er sich einen kaffee. dieser schmeckte abscheulich, wäre aber wohl aus einer tasse auch nicht geschmackvoller gewesen. er grinste leicht, denn ihm fiel sein verstorbener vater ein, der in solchen fällen immer zu sagen pflegte: „das schmeckt nach schiffsrumpf und kartonage!!“

bei der suche nach seinen zigaretten fiel ihm die liste in die hand. er hatte sie griffbereit in die tasche gesteckt, denn er wollte sich die namen ansehen. namen, die er erst wieder mit gesichtern in verbindung bringen musste … und mit den geschichten, die dazu gehörten. es war alles schon so lange her. seine augen wanderten über die zeilen und blieben bei einem namen hängen … walter.

wer in aller welt war walter? …

… fortsetzung folgt …

oh, herr, ich wusste nicht, was ich tat

[photopress:monsignore.jpg,full,centered]

foto: servusfranz

als sich plötzlich eine kleine lücke im wolkeneinerlei auftat, blickte monsignore geggenhuber erschrocken auf. gleichzeitig schloss er seine hand fester um den griff der roten tüte. er hatte nicht wirklich erwartet, dass er es vor dem herrn verborgen halten konnte, aber bis gerade hatte er sich noch relativ unbeobachtet gefühlt. nun jedoch blitzte dort oben ein licht auf, und der verschreckte geistliche errötete. in seinem kopf kreisten die gedanken, und ihm wurde zunehmend unbehaglich zu mute.

wie nur sollte er den inhalt dieser roten tüte vernünftig erklären? es gab keinen grund für einen sittsamen geistlichen, in das erste wäschegeschäft am platze zu gehen und dort einkäufe zu tätigen. nicht unter drei rosenkränzen und sieben vaterunser würde er aus dieser sache wieder herauskommen. sicher würde es auch nicht helfen, wenn er die verräterische verpackung unter seinem langen habit verschwinden lassen würde. außerdem war es sowieso zu spät jetzt. er fühlte sich ertappt, so wie damals, als er in der speisekammer die zum abkühlen abgestellte marmelade in einem anfall von heißhunger niedergerungen hatte. gut, die darauf folgenden bauchschmerzen waren strafe genug. aber so einfach würde er diesmal sicher nicht davonkommen. Weiterlesen