Monatsarchiv: Juni 2006

der letzte tango

[photopress:letzter_tango.jpg,full,centered] foto: servusfranz

dr. ansgar pilgenröder lebte zurückgezogen in einer vorstädtischen reihenhaussiedlung. morgens verließ er gegen sieben uhr das haus, um mit der straßenbahn ins stadtzentrum zu fahren. seit vielen jahren war er leiter der einzelzahler-abteilung einer versicherung. ausgesucht hatte er sich das nicht, aber es hatte sich so ergeben … wie sich alles in seinem leben einfach so ergeben hatte. er war es gewohnt dem schicksal seinen lauf zu lassen und dachte nicht weiter darüber nach. er funktionierte, wie das zahnrad einer uhr in seinem gefüge.

doch tief in seinem innersten hatte er sich einen fluchtpunkt bewahrt, eine seite, die niemand von ihm kannte. etwas, das nur ihm allein gehörte. wohl hatte sich auch das einfach so ergeben, aber er hatte es verteidigt, die stellung sogar ausgebaut, und in dieser nacht trat er zu seinem letzten kampf an.

gleich nach büroschluss war er nach hause geeilt und dann mit seinem alten fahrrad zu dem verlassenen gebäude der bleistiftfabrik gefahren. schon als kind hatte er dort gespielt, und als vor jahren der betrieb aufgelöst, die hauptgebäude abgerissen und nur noch ein paar nebenhallen stehen geblieben waren, um die sich niemand scherte, hatte er das gelände zu seinem zufluchtsort erklärt. in einem der lagerräume hatte er ein altes spind gefunden, in dem er eines tages eine im sperrmüll gefundene schaufensterpuppe deponierte. wann immer es ihn drängte … und das war meist in den mondhellen nächten, in denen er keinen schlaf fand … schlich er sich durch das verrottete tor in die halle, nahm seine geliebte aus ihrem verlies und tanzte mit ihr im fahlen licht, das durch die blinden scheiben drang. niemals sprach er auch nur ein wort mit ihr, aber er umfasste ihren schlanken körper, zog sie an sich, so dass sie unter seinen berührungen ächzte, und führte sie sicher über den tanzboden. voller leidenschaft stierte ansgar tief in ihre leeren augen und ließ die unerfüllten sehnsüchte, die unausgesprochenen hoffnungen, eben all sein lebensleid an ihrem kühlen, glatten kompositkörper abprallen.

diese nacht nun würde ihre letzte sein, denn am folgenden tag sollte der abriss der letzten gebäude ihn seines traumlandes endgültig berauben. vor dem letzten tanz hatte er die stille geliebte bräutlich geschmückt. der weiße schleier, den er liebevoll um sie schlang, war sein erstes und einziges geschenk an sie, ein abschiedsgeschenk.

der letzte tanz würde ein tango sein, das hatte er sich schon am morgen beim verzehr seiner leberwurstbrote ausgemalt. nun war es so weit. das nachtlicht erfüllte die verstaubte halle. ansgar drückte vorsichtig sein mondkind an sich, beugte sie leicht zurück, und mit der musik im kopf setzte er lautlos den ersten schritt …

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die zertanzten schuhe

 

die-zertanzten-schuhe1.jpg

foto: sylvia mancini 

nur einen ganz kleinen moment wollte sie luft schnappen, wirklich nicht lange. der empfang zog sich, und obwohl sie schon mit fast allen herren getanzt hatte, fühlte sie sich innerlich leer. es lag nicht an den musikern, die sich redlich mühten. der champagner war kühl und prickelte in ihrer kehle. ein perfekter abend eigentlich. dennoch sehnte sie sich nach einem moment des glücks und war froh, dem schwer im raum hängenden dunst von gehobener spießigkeit zu entfliehen.

im schutz der dunkelheit stahl sie sich in richtung hinterhof, hörte durch das offene fenster stimmen und das klappern von geschirr. lachen drang an ihr ohr. sie drückte sich näher an die hauswand und zog eine schachtel zigaretten unter dem strumpfband hervor. ihr lebensgefährte duldete nicht, dass sie rauchte, doch jetzt war sie allein. gierig zog sie an dem Glimmstängel, lehnte sich an die kühle wand, und es tat ihr gut.

während sie den küchengeräuschen lauschte, entdeckte sie im fahlen schein der außenlampe eine zeichnung auf dem boden. sie erschrak, denn im ersten moment erinnerte es sie an die aufgezeichneten konturen eines mordopfers. doch bei näherer betrachtung schien ein glatzköpfiger mann mit langer nase zu ihren füßen zu liegen. woher kannte sie ihn nur? die figur kam ihr seltsam vertraut vor. war sie wohl aus einem kinderbuch entflohen? und wer hatte sie ihr geschickt?

einer spontanen eingebung folgend stieg sie aus den schuhen, und mit der andeutung einer verbeugung fragte sie: „darf ich bitten?“ weil sie keine antwort erhielt, begann sie, den mann auf dem pflaster einfach in ihre drehungen einzubeziehen. sie fühlte sich ganz leicht dabei, und der saum ihres kleides flatterte im nachtwind. immer wilder wurden ihre sprünge und sie lachte.

plötzlich fühlte sie sich am arm gepackt und unwirsch auf den boden der tatsachen zurück gezogen.

„was soll das? ich suche dich schon überall! komm jetzt, wir fahren!“ ,herrschte sie eine ihr nur zu bekannte stimme an. das eben erst gefundene, kleine glück zerplatzte wie eine seifenblase. ohne widerspruch folgte sie. nur die schuhe blieben zurück … und der stumme tänzer.