die zertanzten schuhe

 

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foto: sylvia mancini 

nur einen ganz kleinen moment wollte sie luft schnappen, wirklich nicht lange. der empfang zog sich, und obwohl sie schon mit fast allen herren getanzt hatte, fühlte sie sich innerlich leer. es lag nicht an den musikern, die sich redlich mühten. der champagner war kühl und prickelte in ihrer kehle. ein perfekter abend eigentlich. dennoch sehnte sie sich nach einem moment des glücks und war froh, dem schwer im raum hängenden dunst von gehobener spießigkeit zu entfliehen.

im schutz der dunkelheit stahl sie sich in richtung hinterhof, hörte durch das offene fenster stimmen und das klappern von geschirr. lachen drang an ihr ohr. sie drückte sich näher an die hauswand und zog eine schachtel zigaretten unter dem strumpfband hervor. ihr lebensgefährte duldete nicht, dass sie rauchte, doch jetzt war sie allein. gierig zog sie an dem Glimmstängel, lehnte sich an die kühle wand, und es tat ihr gut.

während sie den küchengeräuschen lauschte, entdeckte sie im fahlen schein der außenlampe eine zeichnung auf dem boden. sie erschrak, denn im ersten moment erinnerte es sie an die aufgezeichneten konturen eines mordopfers. doch bei näherer betrachtung schien ein glatzköpfiger mann mit langer nase zu ihren füßen zu liegen. woher kannte sie ihn nur? die figur kam ihr seltsam vertraut vor. war sie wohl aus einem kinderbuch entflohen? und wer hatte sie ihr geschickt?

einer spontanen eingebung folgend stieg sie aus den schuhen, und mit der andeutung einer verbeugung fragte sie: „darf ich bitten?“ weil sie keine antwort erhielt, begann sie, den mann auf dem pflaster einfach in ihre drehungen einzubeziehen. sie fühlte sich ganz leicht dabei, und der saum ihres kleides flatterte im nachtwind. immer wilder wurden ihre sprünge und sie lachte.

plötzlich fühlte sie sich am arm gepackt und unwirsch auf den boden der tatsachen zurück gezogen.

„was soll das? ich suche dich schon überall! komm jetzt, wir fahren!“ ,herrschte sie eine ihr nur zu bekannte stimme an. das eben erst gefundene, kleine glück zerplatzte wie eine seifenblase. ohne widerspruch folgte sie. nur die schuhe blieben zurück … und der stumme tänzer.

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3 Antworten zu “die zertanzten schuhe

  1. eine schöne geschichte… man möchte ihr zurufen, dass sie sich befreien soll…;-)
    was dir immer so zu bildern einfällt ist fantastisch!

  2. ist es nicht seltsam? als ich sylvia fragte, ob ich das bild zu dieser geschichte nehmen darf, hat sie das gleiche gesagt. warum befreit sie sich nicht?
    man sieht wohl bei anderen viel eher, was am gescheitesten zu tun wäre. nur bei sich selbst ist man weniger kritisch. ein bisschen leichtigkeit und das greifen nach den kleinen glücken täte vielen von uns not. 🙂

  3. ich weiß auch nicht, warum mir immer solche geschichten einfallen. von hause aus bin ich eigentlich eher eine frohnatur. vielleicht habe ich altlasten aus einem früheren leben! :-)))

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