Tagesarchiv: 17. Juni 2006

der letzte tango

[photopress:letzter_tango.jpg,full,centered] foto: servusfranz

dr. ansgar pilgenröder lebte zurückgezogen in einer vorstädtischen reihenhaussiedlung. morgens verließ er gegen sieben uhr das haus, um mit der straßenbahn ins stadtzentrum zu fahren. seit vielen jahren war er leiter der einzelzahler-abteilung einer versicherung. ausgesucht hatte er sich das nicht, aber es hatte sich so ergeben … wie sich alles in seinem leben einfach so ergeben hatte. er war es gewohnt dem schicksal seinen lauf zu lassen und dachte nicht weiter darüber nach. er funktionierte, wie das zahnrad einer uhr in seinem gefüge.

doch tief in seinem innersten hatte er sich einen fluchtpunkt bewahrt, eine seite, die niemand von ihm kannte. etwas, das nur ihm allein gehörte. wohl hatte sich auch das einfach so ergeben, aber er hatte es verteidigt, die stellung sogar ausgebaut, und in dieser nacht trat er zu seinem letzten kampf an.

gleich nach büroschluss war er nach hause geeilt und dann mit seinem alten fahrrad zu dem verlassenen gebäude der bleistiftfabrik gefahren. schon als kind hatte er dort gespielt, und als vor jahren der betrieb aufgelöst, die hauptgebäude abgerissen und nur noch ein paar nebenhallen stehen geblieben waren, um die sich niemand scherte, hatte er das gelände zu seinem zufluchtsort erklärt. in einem der lagerräume hatte er ein altes spind gefunden, in dem er eines tages eine im sperrmüll gefundene schaufensterpuppe deponierte. wann immer es ihn drängte … und das war meist in den mondhellen nächten, in denen er keinen schlaf fand … schlich er sich durch das verrottete tor in die halle, nahm seine geliebte aus ihrem verlies und tanzte mit ihr im fahlen licht, das durch die blinden scheiben drang. niemals sprach er auch nur ein wort mit ihr, aber er umfasste ihren schlanken körper, zog sie an sich, so dass sie unter seinen berührungen ächzte, und führte sie sicher über den tanzboden. voller leidenschaft stierte ansgar tief in ihre leeren augen und ließ die unerfüllten sehnsüchte, die unausgesprochenen hoffnungen, eben all sein lebensleid an ihrem kühlen, glatten kompositkörper abprallen.

diese nacht nun würde ihre letzte sein, denn am folgenden tag sollte der abriss der letzten gebäude ihn seines traumlandes endgültig berauben. vor dem letzten tanz hatte er die stille geliebte bräutlich geschmückt. der weiße schleier, den er liebevoll um sie schlang, war sein erstes und einziges geschenk an sie, ein abschiedsgeschenk.

der letzte tanz würde ein tango sein, das hatte er sich schon am morgen beim verzehr seiner leberwurstbrote ausgemalt. nun war es so weit. das nachtlicht erfüllte die verstaubte halle. ansgar drückte vorsichtig sein mondkind an sich, beugte sie leicht zurück, und mit der musik im kopf setzte er lautlos den ersten schritt …

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