Monatsarchiv: Februar 2007

9. frieden und freiheit

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mauro leonetti ließ sich am frühen nachmittag zum friedhof fahren. eigentlich war es die zeit für seinen mittagsschlaf, aber er war unruhig und wollte nachdenken.

er ließ sich auf der bank neben der familiengruft nieder und schaute aufs meer hinaus. gelegentlich ließ er seinen blick an den ort schweifen, wo die asche eduardos seine letzte ruhestätte gefunden hatte … des mannes, der nun doch nicht sein bruder war, wie die nachforschungen in argentinien ergeben hatten. noch waren die ermittlungen nicht völlig abgeschlossen, aber die bisher erbrachten beweise sprachen eindeutig dafür, dass der vermeintliche bruder in wirklichkeit einer verbindung zwischen einer nonne und einem jesuitenpater entsprungen war. mauros eltern hatten eine ansehnliche summe dafür erhalten, dass sie mit dem kind das land verließen, um diesen leidigen vorfall mit dem mäntelchen der barmherzigkeit zu bedecken.

mauro überlegte, welche konsequenzen das für ihn bedeuten würde. eduardo war ihm zwar im wesen immer fremd geblieben, dennoch hegte er eine art brüderliche zuneigung zu dem dahingeschiedenen. es erfüllte ihn daher mit stiller freude, dass der abschließende obduktionsbericht, der erst am morgen bei ihm eingetroffen war, ergeben hatte, dass eduardo nicht an dem ihm von antonella zugefügten messerstich, sondern an den folgen eines zeitgleich erlittenen herzinfarktes gestorben war. wenn ihm auch das schicksal seiner schwägerin nicht wichtig war, so hatte ihn doch belastet, dass ein, wenn auch nur vermeintliches, familienmitglied auf so gausame weise sein leben hatte lassen müssen.

nun fühlte sich mauro innerlich zufrieden, und als zeichen seiner großen erleichterung hatte er sofort dafür sorge getragen, dass antonellas freilassung aus dem gefängnis in die wege geleitet wurde. …

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8. o, du schmerzensreiche

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antonella hatte am morgen mit dem anstaltsgeistlichen gesprochen und ihm ihre größte not, die pflege des verwaisten madonnenaltars, anvertraut. angesichts der bitteren tränen ließ der monsignore sich das versprechen abringen, jemanden zu suchen, der sich darum kümmern würde.

nun wartete die zur mörderin gewordene in der kapelle des frauengefängnisses auf die abnahme der heiligen beichte. auf der bank vor dem marienaltar knieend blickte antonella mit tränenschwangeren augen hinauf ins licht, das sie wohl nie mehr in freiheit erblicken würde …

7. öl und flammende herzen

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da die sitzungen der beiden herren in der bibliothek sich üblicherweise bis in den späteren abend zogen, beschloss signora bertolli, nach imperia zum familieneigenen olivenölwerk zu fahren. das testament hatte für den fall des ablebens ihres bruders vorgesehen, dass die hälfte des beachtlichen besitzes an sie fiele, was eine kluge vorkehrung gewesen war, denn der einzige sohn des verstorbenen war ein unfähiger schwachkopf, der sich lieber dem leichten leben hingab und die verwaltung der carli-werke seiner tante überließ.

signora bertolli kümmerte sich in ihrer umsichtigen art um alles, so wie sie immer für alles sorge getragen hatte. sie gehörte zu den menschen, die sich offenbar klaglos in ein leben in der zweiten reihe fügten. schon ihr äußeres war unscheinbar. stets trug sie kleider oder kostüme aus feinem grauen flanell, im sommer auch solche aus edlem leinen. ihr haar hatte dieses undefinierbare straßenköterblond und war stets sorgsam hochgesteckt. die absätze ihrer schuhe überschritten niemals eine geziemliche höhe. mit leiser, aber bestimmter stimme gab sie ihre anweisungen, ihre bewegungen waren von katzenhafter eleganz, doch ebenso lautlos. signora bertolli war sozusagen im schatten verwurzelt und wäre im wärmenden strahl der sonne wohl verglüht.

doch tief im verborgenen loderte ein flämmchen, ein fünkchen leben zwar nur, aber es schrie dennoch unaufhörlich nach nahrung, ungehört von allen, die sie umgaben.

eine karriere als anwältin hatte der vater seiner hochintelligenten tochter versagt und ihr lediglich eine ausbildung als anwaltsgehilfin gestattet. mit den jahren machte die wendige mitarbeiterin sich jedoch für carlo parigi unentbehrlich. jede akte und jede absprache ging über den schreibtisch der signora … und in der blüte ihrer jugend hätte sie sogar fast den sprung vom tisch ins bett des erfolgreichen avvocatos geschafft. sie erstickte zwar die lodernden flammen ihres herzens, doch hatte sie ihm nie verziehen, dass er kurz vor der leicht dahin versprochenen hochzeit eine rassige brasilianerin ins haus geschleppt hatte. völlig überstürzt ehelichte signora bertolli daraufhin einen verarmten nudelfabrikanten, der sie alsbald als witwe zurückließ.

mit ihrem kleinwagen fuhr signora bertolli also auf den hof des olivenölwerks. es war schon nach geschäftsschluss, und so konnte sie niemand bei dem beobachten, was sie im labor tat. …

6. alter cognac und dicke zigarren

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voll angespannter erwartung betrat mauro leonetti an diesem donnerstagnachmittag die kanzlei seines freundes avvocato carlo parigi. signora bertolli, die mitarbeiterin und gute seele des hauses, führte den gast in das büro des hausherrn. dieser saß tief vergraben in einem schweren ledersessel vor der mächtigen bücherwand. dem inhalt der langen regalreihen aus kostbarem edelholz schenkte zwar niemand beachtung, doch die schiere anwesenheit des geballten wissens in schriftform verlieh dem raum eine gewisse wichtigkeit und gediegenheit.

das licht der sich zum sinken anschickenden sonne wurde gedämpft durch weinrote vorhänge, die schwer von der hohen stuckdecke fielen. der avvocato schien ein wenig eingenickt zu sein, denn erst des besuchers räuspern ließ parigi aus seinem sitz hochschrecken, und die asche seiner mächtigen zigarre rieselte auf den teppich.
signora bertolli hob missbilligend die augenbraue, sagte aber weiter nichts und entfernte sich lautlos.

und während die beiden alten männer sich dem genuss eines sehr alten cognacs hingaben, berichtete carlo parigi, was er in argentinien über die ereignisse um die geburt des ermordeten eduardo leonetti in erfahrung hatte bringen können. noch lagen teile der geheimnisvollen geschichte im dunkel, doch fügte sich nach und nach ein stück an das andere.

nach dem bisherigen stand der ermittlungen spielte das kloster der unbeschuhten karmelitinnen in alta gracia eine tragende rolle, denn nach ihrer auswanderung war dies wohl die erste anlaufstelle von ernesto und angela leonetti gewesen. der ursprüngliche plan, sich als weinbauer in der gegend von mendoza niederzulassen scheiterte nämlich an den nicht vorhandenen sprachkenntnissen, und so war das ehepaar froh, sich in besagtem ordenshaus in der nähe von cordoba als köchin bzw. gärtner verdingen zu können. so verbrachten die leonettis einige jahre unter dem dach der segensreichen schwestern, bis ein ereignis von erheblicher tragweite die idylle störte. …

5. das versprechen

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von all den ereignissen um die aufgetauchte geburtsurkunde eduardos wusste die unglückselige antonella nichts. man hatte sie noch am mordtag ins bezirksfrauengefängnis gebracht. sie wirkte apathisch. die folgen des schnöden vergehens an ihrem gatten, schienen sie jedoch wenig zu kümmern. ihre einzige sorge galt der madonna, deren altar sie seit jahren hegte und pflegte, als sei es das wichtigste in ihrem ereignislosen dasein, und im grunde genommen war es auch das einzige, was sie jemals wirklich erfüllt hatte. die ehe mit eduardo war kinderlos geblieben, ein steter, stummer vorwurf in ihrer beider leben, das vor sich hingeplempert war wie das gluckernde wasser in der gosse … trüb und ohne kraft.

bei der einweisung hatte antonella alle persönlichen dinge abgeben müssen, doch niemand bemerkte, dass sie etwas in ihrer kittelschürze verborgen hielt, das sie beim kleidertausch schnell unter die anstaltskleidung schob und so in ihre zelle bringen konnte. dort zog sie die vergilbte, alte fotografie heraus, strich liebevoll darüber und murmelte ein gebet. beim anblick der madonna liefen ihr tränen über die welken wangen, und antonella stieß einen fast grunzenden laut aus, der die zellengenossin aufhorchen ließ.

„ich habe es ihr auf dem sterbebett versprochen!“ , murmelte die geplagte seele. und ohne dass auch nur eine nachfrage gekommen wäre, sprudelte es voller verzweiflung aus ihr heraus: „die schwiegermutter hatte ein gelübde abgelegt. den grund kenne ich nicht, aber sie hat nach einer wallfahrt eine nachbildung dieser madonna in der gasse hinter dem haus anbringen lassen. wer soll jetzt die kerzen anzünden und frische blumen in die vase stellen? ich hab es ihr doch versprochen …“

unter heftigem schluchzen schob sie das foto, das ihre schwiegermutter im stummen zwiegespräch mit der madonna zeigte, über den tisch …

4. spurensuche

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avvocato parigi erreichte soeben noch die morgenmaschine. atemlos ob dieser anstrengung, sank er in die polster der buisiness class und warf seine nappalederne aktentasche auf den freien nachbarsitz. später gedachte er sich dem studium der unterlagen zu widmen, doch zunächst bestellte er ein opulentes frühstück.

den anwalt drängte es im grunde nicht, sich auf die beschwerliche reise nach argentinien zu begeben, um die familiären hintergründe der leonettis zu entwirren. aber es war eben ein angebot, das er schlecht ablehnen konnte, und so fingerte er beim dritten kaffee nach der geburtsurkunde des ermordeten eduardos … wohl denkend, dass es jetzt auch nicht mehr darauf ankäme, wer denn nun tatsächlich dessen eltern gewesen waren. mauro leonetti hatte nämlich nach der lektüre des schriftstücks erhebliche zweifel daran angemeldet, dass er und eduardo aus einem schoß entsprungen seien.

carlo parigi vertiefte sich also seufzend in das dokument, d.h. er gab sich den anschein, als täte er es, denn der beleibte anwalt, der sich selbst als „in den besten jahren stehend“ bezeichnete, trug ein dunkles geheimnis mit sich. niemand hätte wohl vermutet, dass ein leidlich erfolgreicher notar, der zudem aus einem alteingesessenen advokatengeschlecht stammte, außer einer schwungvollen unterschrift nichts beherrschte, was auch nur entfernt mit dem lesen und schreiben zu tun hatte. geschickt hatte er es über die jahre verstanden, seiner sekretärin und einem fähigen jungen anwaltskollegen eine schmierenkomödie vorzuspielen, die nur noch durch das bravourstück überboten wurde, das er anlässlich der übernahme der kanzlei seines verstorbenen onkels vor der anwaltskammer hingelegt hatte.

erfahren in allen techniken, seine umgebung hinsichtlich seines makels zu täuschen, wartete er ab, bis die für eine flugbegleiterin etwas zu üppige blondine den gang hinuntertänzelte, und ließ wie zufällig seine brille vor ihren füßen auf den boden fallen …

3. männergespräche

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eduardos beisetzung hätte eigentlich im engsten familienkreis stattfinden sollen. aber nachdem man die unglückliche antonella ins bezirksgefängnis geschafft hatte, blieb nur noch mauro leonetti übrig, denn beide brüder waren kinderlos geblieben … zumindest offiziell. mauros plötzlicher eintritt in die fremdenlegion war seinerzeit nämlich auch eine art flucht vor eventuell eingetretenen „schwierigkeiten“ mit einer gewissen marcella gewesen. aber das lag lange zurück, und er hatte nie wieder etwas von ihr gehört.

mauro bat also seine engsten freunde nach der einäscherung in sein lokal, um seines bruders in würde zu gedenken.

am vortag hatte mauro das elterliche hause aufgesucht, um die auflösung desselben in die wege zu leiten. er ging durch die lange nicht mehr betretenen räume, schaute hier und dort in schränke und laden, und nahm schließlich am fenster platz, um hinaus auf das meer zu blicken und nachzudenken. nach einer weile fiel ihm das bild seiner eltern ins auge, das auf einem niedrigen schrank vor sich hin staubte. er stand auf, nahm es zur hand, und da ihm der billige, abgestoßene rahmen zutiefst missfiel, schickte er sich an, das bild herauszunehmen. die eingerosteten nägel schienen mit der papprückwand verwachsen zu sein, doch mit einigem kraftaufwand gelang es mauro, sie zu lösen. zu seiner großen überraschung flatterte ihm ein vergilbtes schreiben entgegen, das hinter dem bild verborgen war. noch erstaunter war er allerdings, als er das dokument las. sein spanisch war zwar nicht perfekt, aber er konnte dem inhalt dennoch entnehmen, dass es sich um die geburtsurkunde seines bruders handelte … ausgestellt in mendoza, argentinien. das an sich war nicht verwunderlich, denn eduardo war ja zu der zeit geboren, als die leonettis sich in südamerika aufgehalten hatten; damals, als der vater geglaubt hatte, sich dort als weinbauer eine neue existenz schaffen zu können.

nein, verwundert war mauro wegen der namen, die er auf dem dokument las. … und genau darüber sprach er bei der totensuppe mit carlo, seinem engsten vertrauten, den er zu recherchen nach argentinien zu schicken gedachte. …