Monatsarchiv: April 2007

erwin hochstätter

113,-großer-mann,-neu,-600.jpgwie üblich hatte alles mit einer idee angefangen. der geschäftsgedanke „dinge, die die welt nicht braucht“ war ursprünglich einer bierlaune entsprungen, doch ehe erwin sich versah, war er der herr über ein imperium, das sich mit der entwicklung und vermarktung überflüssiger sachen wie z.b. „katzenstreu mit winterduft“ beschäftigte. der „mitzählende flaschenöffner“ war noch ein massenartikel, andere produkte des hauses zeigten sich schon exklusiver, und die warenpalette gipfelte im „frühstückseiersollbruchstellenmarkierer in edelstahl als designer-modell in limitierter auflage“.

kurz, erwin hatte es geschafft, obwohl es ihm eigentlich niemand zugetraut hätte. zu schulzeiten war seine rolle eher die des klassenclowns als die des klassenprimus gewesen, und die blondlockige luise hätte sich dereinst nie an der seite des immer schon etwas fettleibigen erwins gesehen. nun trug sie kleider aus der ersten boutique am platze und fuhr ein silbergraues cabrio, auf dessen tür dezent das firmenlogo prangte. bei jeder gesellschaftlichen veranstaltung im ort waren die hochstätters gern gesehene ehrengäste, schon deshalb, weil sich erwin als mann des volkes fühlte und sich nie lumpen ließ.

erwin war grundsätzlich betrachtet zufrieden mit seinem leben. nur ein problem hatte er noch nicht lösen können: wie lutscht man eckige bonbons rund, ohne dass die zunge wund wird?

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herr immig

herr immigwie jeden morgen stand herr immig vor der haustür. sein blick schweifte ins niemandsland, denn eigentlich gab es nicht viel zu sehen. überhaupt gab es nicht viel, das den netten, älteren herrn sonderlich bewegte. seit seiner pensionierung hatte er das gefühl, als hätte man ihm den boden unter den füßen weggezogen. immer hatte er funktioniert wie ein uhrwerk, war an jedem werktag nach dem verzehr eines honigbrötchens nebst einer tasse nicht zu starken kaffees zum amt gegangen und hatte dort zwischen seinen aktenbergen einen ausgefüllten tag verlebt. jeder hatte ihn als gewissenhaften, kompetenten beamten anerkannt, man war freundlich, aber auch nicht zu herzlich miteinander umgegangen, und seine ganze fürsorge hatte den beiden kakteen auf der fensterbank der leicht muffig riechenden amtsstube gegolten.

das alles war mit einem schlag beendet, als der tag der wahrheit gekommen war. mit einer urkunde in der hand und den beiden kakteen im karton trat er den weg in ein ungewisses nichts an.

mechthild, herrn immigs frau, konnte nicht verstehen, dass der gatte die neugewonnene freiheit nicht für allerlei dinge nutzte, die das leben ihrer meinung nach verschönern könnten. aber was sollte er tun? briefmarken sammeln etwa? das hatte er als junge mit leidenschaft getan, aber wer schrieb schon noch briefe? mit mäßigem erfolg hatte er sich im garten zu schaffen gemacht, doch er war es eben nur gewohnt, mit blick auf die gepflegten rabatten seinen sonntagskuchen zu verzehren.

frau immig begann, sich um ihren mann zu sorgen, und hatte stets allerlei aufträge, mit denen sie ihn betraute. mal schickte sie ihn zum metzgerladen, mal in die drogerie, um nichtigkeiten zu besorgen, aber wirklich wichtige aufgaben gab es für herrn immig nicht, denn das leben im haus war ohne ihn organisiert.

herr immig fühlte sich leer, und nicht einmal darüber dachte er nach, während er die straße hinunterblickte und am horizont einen vogel wahrnahm. herr immig lächelte …

fräulein rosalie

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natürlich stand auf den wenigen briefen, die der postbote durch den schlitz der alten haustür warf, in bestem amtsdeutsch „frau rosalia tulpengrün“, aber niemand in dem kleinen ort wäre auf den gedanken gekommen, sie so zu nennen. sie war immer fräulein rosalie gewesen.

menschen wie sie bezeichnet man wohl als zeitlos. sie schien nicht zu altern, denn falten hatten in ihrem rosigen gesicht einfach keine chance. mehr aber war sie beseelt von einem inneren frieden. nie wurde sie laut, nie schien sie verärgert. fräulein rosalie schwebte sozusagen durch das leben … so weit man bei ihrer körperfülle  einen derartigen vergleich wagen konnte. vielleicht war es auch einfach der abstand, den sie zu den widrigkeiten des lebens zu haben schien, der den menschen in ihrer umgebung den eindruck vermittelte, dass hektik und unrast an ihr abprallten. kurz, jeder kannte sie, jeder mochte sie, und jeder liebte es, in ihrer nähe zu sein, denn es beruhigte, ihr warmes, stilles lächeln zu fühlen.

an jedem donnerstag ging fräulein rosalie zu dem kleinen blumenladen um die ecke und kaufte eine weiße rose. damit ging sie durch den stadtpark hin zum friedhof, wo versteckt in einem stillen winkel eine von efeu überwucherte ruhestätte lag. fräulein rosalie hielt sich nicht lange dort auf, legte nur die rose ab und setzte ihren weg fort.

über die bedeutung dieses seltsamen rituals tuschelten die leute zwar hinter fräulein rosalies rücken, aber niemand hätte es gewagt, sie danach zu fragen …

mathilde

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foto: servusfranz

franz-otto grünschmied saß wie gewohnt auf seinem roten stuhl und wartete geduldig auf mathilde und den nachmittagskaffee.
das licht der vorfrühlingssonne fiel weich durch das trübe fenster, und leise tanzte der staub zu den weisen, die noch im raum schwangen. aber es war still, so unendlich still. das klappern des geschirrs und der gerätschaften aus der benachbarten küche war verstummt wie das schlurfen der filzpantinen auf dem rauen holzboden. das knistern des feuers im kachelofen, das klappern von mathildes stricknadeln, das schlagen der flügel des wellensittichs gegen die käfigstäbe, selbst das blubbern des fisches amanda im goldfischglas war nur noch in seiner erinnerung zu hören. franz-otto schien nicht einmal mehr zu atmen. er saß einfach ganz ruhig und wartete. … und schon senkte sich die türklinke. sie würden kommen, um ihn wieder ins heim zurückzubringen, aus dem er immer wieder ausbrach…