Tagesarchiv: 4. April 2007

fräulein rosalie

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natürlich stand auf den wenigen briefen, die der postbote durch den schlitz der alten haustür warf, in bestem amtsdeutsch „frau rosalia tulpengrün“, aber niemand in dem kleinen ort wäre auf den gedanken gekommen, sie so zu nennen. sie war immer fräulein rosalie gewesen.

menschen wie sie bezeichnet man wohl als zeitlos. sie schien nicht zu altern, denn falten hatten in ihrem rosigen gesicht einfach keine chance. mehr aber war sie beseelt von einem inneren frieden. nie wurde sie laut, nie schien sie verärgert. fräulein rosalie schwebte sozusagen durch das leben … so weit man bei ihrer körperfülle  einen derartigen vergleich wagen konnte. vielleicht war es auch einfach der abstand, den sie zu den widrigkeiten des lebens zu haben schien, der den menschen in ihrer umgebung den eindruck vermittelte, dass hektik und unrast an ihr abprallten. kurz, jeder kannte sie, jeder mochte sie, und jeder liebte es, in ihrer nähe zu sein, denn es beruhigte, ihr warmes, stilles lächeln zu fühlen.

an jedem donnerstag ging fräulein rosalie zu dem kleinen blumenladen um die ecke und kaufte eine weiße rose. damit ging sie durch den stadtpark hin zum friedhof, wo versteckt in einem stillen winkel eine von efeu überwucherte ruhestätte lag. fräulein rosalie hielt sich nicht lange dort auf, legte nur die rose ab und setzte ihren weg fort.

über die bedeutung dieses seltsamen rituals tuschelten die leute zwar hinter fräulein rosalies rücken, aber niemand hätte es gewagt, sie danach zu fragen …

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